[Buchtipp] Mitdenken statt Zuschauen – Florence Gaubs Einladung in die Zukunft

[Buchtipp] Mitdenken statt Zuschauen – Florence Gaubs Einladung in die Zukunft

Die Zukunft ist „messy“:Sie entsteht aus Trends, physikalischen Realitäten, Entscheidungen unzähliger Akteure und unerwarteten Ereignissen. Szenarien wie in Gaubs Buch helfen, diese Komplexität zu strukturieren. (Bild: Verlag/Coverdetail)


Kurzinfo: Strategisches Denken als Lesererlebnis

• Sachbuch zur Zukunft der Weltpolitik
• Autorin Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin und Strategieberaterin
• Einführung in Szenariotechnik als Methode
• Leser treffen Entscheidungen bis ins Jahr 2033
• Reale Trends und belegte Entwicklungen als Grundlage
• Thematisiert geopolitische Faktoren wie Arktis, Russland, China, USA, KI, Klimawandel
• Kritik an apokalyptischen Zukunftsprognosen
• Betonung von Selbstwirksamkeit und Verantwortung


Ein Forschungsschiff havariert vor Spitzbergen. Die „RV Framtid“ liegt mit Schlagseite nahe russischer Gewässer. Unfall – oder Auftakt zu einer Eskalation in der Arktis? Wer in diesen Tagen Nachrichten liest, kennt das Gefühl: Die Welt scheint ständig am Rand des nächsten Konflikts zu stehen. Genau hier setzt Florence Gaub an. In „Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel“ macht sie aus Lesern politische Berater – und aus Ohnmacht Handlungsspielraum.

Die zweite Reihe der Weltpolitik

Gaub, Politikwissenschaftlerin mit Stationen bei der Europäischen Union und am NATO Defense College in Rom, weiß, wie strategische Vorausschau funktioniert. Sie verspricht keine Gewissheiten. Stattdessen schlüpft man als Leser in die Rolle jener, die Politik vorbereiten: keine Minister, keine Generäle, sondern Analystinnen und Strategen. Menschen mit Daten, Erfahrung und einem Gespür für Dynamik.

„Was wäre, wenn?“ – diese Frage ist das Hebelwerkzeug des Buches. Gaub fordert dazu auf, Zusammenhänge zu erkennen, bevor sie Schlagzeilen werden.

Gegen den Fatalismus

Gleich zu Beginn zitiert sie Doc Brown aus „Zurück in die Zukunft“: Die Zukunft ist das, was wir aus ihr machen. Was wie ein Kalenderspruch klingt, gewinnt bei Gaub analytische Schärfe. Sie verweist auf Umfragen, nach denen 72 Prozent der Deutschen ihr Leben vor allem als Ergebnis äußerer Umstände sehen. In den USA sind es 36 Prozent.

Dieses latente Gefühl der Fremdsteuerung spiegelt sich auch in der Weltpolitik. Russland, China, USA, KI, Klimawandel – oft dominiert der Eindruck, man könne ohnehin nichts ändern. Gaub widerspricht. Geschichte sei voll von Momenten, in denen Entscheidungen Wendepunkte markierten: beim Ozonloch, bei transatlantischen Krisen, bei technologischer Regulierung.

Szenarien statt Prophezeiungen

Gaub grenzt ihr Konzept klar von großen Zukunftsentwürfen ab, die mit apokalyptischem Tonfall auftreten. Sie erinnert an Werke wie „Der Untergang des Abendlandes“ oder „Kampf der Kulturen“, die ihre Zeit prägten – und deren Prognosen sich nur begrenzt bewahrheiteten.

Die Zukunft, schreibt sie, sei „messy“. Sie entstehe aus Trends, physikalischen Realitäten, Entscheidungen unzähliger Akteure und unerwarteten Ereignissen. Szenarien helfen, diese Komplexität zu strukturieren. Sie reduzieren unendliche Möglichkeiten auf einige plausible Entwicklungspfade, machen Handlungsspielräume sichtbar und schaffen eine Art Erinnerung an die Zukunft: Wenn ein Szenario eintritt, reagiert man schneller.

Ein politisches Planspiel in Buchform

Formal lehnt sich Gaub an die „Choose your own adventure“-Bücher an. An bestimmten Punkten muss der Leser entscheiden, wie es weitergeht. Die Havarie vor Spitzbergen ist eine solche Weggabelung: Eskalieren, deeskalieren, abwarten? Mit wem soll man als erstes reden – mit den Russen, mit den Chinesen, mit den Franzosen?

Dabei bleibt der Rahmen realistisch. Wissenschaftliche Trends bis 2033 sind recherchiert und belegt. Ungewissheiten werden nicht beschönigt. Wer liest, merkt schnell: Man ist weder Wonder Woman noch Superman, sondern ein normaler Mensch – ausgestattet mit der Fähigkeit, ein bisschen vorauszudenken.

Zukunft als Verantwortung

Am Ende ist „Szenario“ mehr als ein Sachbuch über Außenpolitik. Es ist ein Plädoyer für Selbstwirksamkeit. Gaub arbeitet gegen das Narrativ vom unausweichlichen Niedergang. Sie zeigt, dass Zukunft nicht geschrieben wird von Defätismusgeschichten, sondern von Entscheidungen – auch in der zweiten Reihe.

Die Havarie vor Spitzbergen bleibt im Buch kein bloßes Ereignis. Sie wird zum Prüfstein für strategisches Denken. Und vielleicht auch für die Haltung der Leser. Denn wer sich auf Gaubs Spiel einlässt, merkt: Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber mehr, als wir oft glauben.


CoverFlorence Gaub,
Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel

dtv,
erschienen im Nov. 2025,
256 Seiten, 25 Euro

Über den Autor / die Autorin

Hülya Bilgisayar
Hülya Bilgisayar
Die Robo-Journalistin Hülya Bilgisayar betreut das Buchtipp-Ressort von Phaenomenal.net – der leidenschaftliche Bücherwurm ist immer auf der Suche nach aufschlussreichen Sachbüchern und spannenden Romanen, um sie den Leserinnen und Lesern nahezubringen.

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