Forschende mahnen: 1,5-Grad-Klimaziel darf nur kurzzeitig überschritten werden

Forschende mahnen: 1,5-Grad-Klimaziel darf nur kurzzeitig überschritten werden

Es ist entscheidend, den Höchstwert dieses Überschreitens der 1,5°C-Marke zu begrenzen. Aber die Dauer dieses ‚Overshoots‘ möglichst kurz zu halten, ist sogar noch wichtiger.“ (Norman Steinert, CICERO)


Kurzinfo: Kipppunkte und Overshoot im Klimasystem

• Kipppunkte sind Schwellenwerte, ab denen Teilsysteme der Erde irreversibel kippen können
• Betroffen sind unter anderem Korallenriffe, Amazonas, Permafrost sowie Eisschilde in Grönland und der Antarktis
• Schon unter 2 Grad Erwärmung könnten laut Studie bis zu acht Kipppunkte erreicht werden
• Ein Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze gilt als wahrscheinlich in den späten 2020ern oder 2030ern
• Overshoot bedeutet zeitweises Überschreiten mit späterer Rückkehr unter die Zielmarke
• Entscheidend sind Höhe und Dauer des Overshoots


Der Klimawandel wird oft wie eine Temperaturkurve erzählt: 1,5 Grad als Warnlinie, 2 Grad als rote Zone. Doch die neue Studie von Paul Ritchie und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht in Environmental Research Letters, macht deutlich: Entscheidend ist nicht nur, wie hoch die Erwärmung steigt – sondern auch wie lange sie dort bleibt. Im Zentrum steht dabei ein Begriff, der in der Klimaforschung immer wichtiger wird: Overshooting. Gemeint ist ein Szenario, in dem die Welt die 1,5-Grad-Grenze zunächst überschreitet, später aber – etwa durch radikale Emissionssenkungen und CO₂-Entnahme – wieder darunter zurückkehrt.

Genau dieses Zeitfenster zwischen Überschreiten und möglicher Rückkehr könnte jedoch zur gefährlichsten Phase werden. Denn laut den Forschenden steigt in einem solchen Overshoot das Risiko, dass sogenannte Kipppunkte erreicht werden.

Kipppunkte: Wenn das System plötzlich umschaltet

Ein Kipppunkt beschreibt einen kritischen Schwellenwert im Klimasystem. Wird er überschritten, können sich Prozesse verselbstständigen. Betroffen sind nicht nur abstrakte Modelle, sondern reale Erdregionen: tropische Korallenriffe, der Amazonas-Regenwald, Permafrostböden sowie die Eisschilde Grönlands und der Antarktis.

Die Forschenden sprechen von bis zu acht Kipppunkten, die bereits bei weniger als 2 Grad Erwärmung erreicht werden könnten. Der Punkt ist nicht nur, dass etwas „schlechter“ wird – sondern dass sich die Regeln ändern: Ein System kippt in einen neuen Zustand, der sich kaum oder gar nicht zurückdrehen lässt.

Das Überschreiten von 1,5 Grad ist fast unvermeidlich

Die Studie baut auf dem „Global Tipping Points Report“ auf, der auf der Klimakonferenz COP30 in Belém vorgestellt werden soll. Co-Leitautor Nico Wunderling vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Goethe-Universität Frankfurt formuliert es drastisch: „Es ist besorgniserregend, dass selbst eine geringe Überschreitung des 1,5°C-Limits bis zu fünf Kipppunkte des Erdsystems auslösen könnte zumal es inzwischen nahezu unvermeidlich ist, dass die globale Erwärmung Ende der 2020er oder in den 2030er Jahren die 1,5°C überschreiten wird“.

Das bedeutet: Die Klimapolitik diskutiert längst nicht mehr nur über Vermeidung, sondern auch über den Umgang mit einem zeitweisen „Overshoot“ – also einem vorübergehenden Überschreiten, gefolgt von einer Rückkehr unter die Zielmarke.

Overshoot: Ein riskantes Zeitfenster

Ein Overshoot ist kein harmloser Ausrutscher. Er beschreibt Pfade, bei denen die Temperatur erst steigt und später wieder sinkt – etwa durch drastische Emissionssenkungen und CO₂-Entnahme. Doch je höher der Peak, desto schwieriger wird die Rückkehr. Zudem steigt die Gefahr, dass Kipppunkte bereits während dieser Phase überschritten werden.

Paul Ritchie vom Global Systems Institute der Universität Exeter warnt: „Die Kipppunkte für mehrere Teilsysteme der Erde könnten somit zumindest vorübergehend überschritten werden“. Allerdings, so ergänzt er: „Allerdings tritt der Kippeffekt nicht zwangsläufig sofort nach Überschreiten der 1,5°C ein. Wenn es gelingt, das maximale Ausmaß der Erwärmung begrenzen und die Dauer des Überschreitens kurz zu halten, könnte ein Kippen noch vermieden werden.“

Die Hoffnung liegt also im Zeitfaktor: Manche Systeme reagieren träge, andere blitzschnell.

Schnelle und langsame Elemente: Korallen reagieren anders als Eisschilde

Die Forschenden unterscheiden zwischen schnellen und langsamen Kipppunkten. Korallenriffe, Monsunsysteme oder Meeresströmungen können innerhalb weniger Jahre bis Jahrzehnte reagieren. Eisschilde dagegen brauchen Jahrhunderte – doch gerade das macht sie gefährlich: Ein einmal angestoßener Prozess kann sich langfristig fortsetzen, auch wenn die Temperaturen später wieder sinken.

Das Klima wird damit zu einem Spiel gegen die Uhr. Nicht nur die Höhe der Erwärmung zählt, sondern auch die Dauer – wie lange die Erde oberhalb kritischer Marken bleibt.

Unter zwei Grad zu bleiben ist keine Symbolpolitik

Norman Steinert vom norwegischen Forschungsinstitut CICERO bringt die Logik auf den Punkt: „Es ist entscheidend, den Höchstwert dieses Überschreitens der 1,5°C-Marke zu begrenzen. Aber die Dauer dieses ‚Overshoots‘ möglichst kurz zu halten, ist sogar noch wichtiger“. Und weiter: „Denn je höher dieser Höchstwert der globalen Erwärmung, desto schwerer lassen sich die Temperaturen wieder unter die kritischen Werte absenken und desto länger ist der ‚Overshoot‘.“

Die Zwei-Grad-Grenze wirkt damit wie ein Schutzgeländer: Sie verhindert nicht jede Gefahr, aber sie reduziert das Risiko, dass das Erdsystem gleich mehrere Male den Halt verliert. Die Pointe dieser Forschung ist bitter: Klimapolitik ist nicht nur eine Frage von „weniger Emissionen“, sondern von Stabilität. Denn wenn Kipppunkte fallen, verhandelt man nicht mehr über Ziele – sondern über Folgen.


Originalpublikation:

Ritchie, Paul D. L. et al.,

The implications of overshooting 1.5 °C on Earth system tipping elements—a review

in: Environmental Research Letters https://doi.org/10.1088/1748-9326/ae3cad

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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