Wenn Aufgaben schrumpfen – Wie Mutterschaft das Tätigkeitsprofil im Job verändert

Wenn Aufgaben schrumpfen – Wie Mutterschaft das Tätigkeitsprofil im Job verändert

Karrieren werden nicht nur über Gehälter oder Beförderungen entschieden, sondern auch über Tätigkeiten – und gerade bei teilzeitarbeitenden Müttern scheint die Komplexität der Aufgaben abzunehmen, mit negativen Folgen für die berufliche Entwicklung.

(Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Studie zum Tätigkeitsprofil von Müttern

• Studie untersucht Veränderungen im Tätigkeitsprofil nach Geburt eines Kindes
• Vergleich der beruflichen Aufgaben vor und nach der Geburt
• Fokus auf analytische, komplexe und interaktive Tätigkeiten
• Veränderungen besonders sichtbar bei reduzierter Arbeitszeit
• Kaum Veränderungen bei gleichbleibender Arbeitszeit
• Elternzeitdauer erklärt Unterschiede nicht
• Berufswechsel ebenfalls kein entscheidender Faktor
• Forschung weist auf neue Dimension geschlechtsspezifischer Ungleichheit hin
• Ergebnisse relevant für Arbeitsmarktpolitik und betriebliche Organisation


Der Moment, in dem ein Kind geboren wird, verändert vieles. Schlafrhythmen verschieben sich, Prioritäten werden neu sortiert, der Alltag bekommt eine andere Struktur. Doch die Veränderung endet nicht an der Wohnungstür. Auch im Berufsleben vieler Frauen verschiebt sich etwas – oft leise und ohne formale Entscheidung. Eine neue Studie zeigt: Mit der Mutterschaft verändert sich häufig auch das Tätigkeitsprofil im Job.

Sozialwissenschaftlerinnen der Universität Bremen und der Universität Oldenburg haben untersucht, welche Aufgaben Frauen vor und nach der Geburt eines Kindes übernehmen. Das Ergebnis: Viele Mütter erledigen danach seltener analytische, komplexe und interaktive Tätigkeiten. Gerade diese gelten jedoch in vielen Berufen als besonders karriereförderlich.

Karrierebremse im Arbeitsalltag

„Während viele Studien bislang vor allem Lohnunterschiede oder Erwerbsunterbrechungen in den Blick genommen haben, richtet diese Analyse den Fokus auf die konkreten Aufgaben, die Frauen im Arbeitsalltag übernehmen.“, sagt Wiebke Schulz vom SOCIUM-Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.

Die Studie lenkt damit den Blick auf eine bislang wenig beachtete Dimension der Ungleichheit. Denn Karrieren werden nicht nur über Gehälter oder Beförderungen entschieden, sondern auch über Tätigkeiten. Wer anspruchsvolle Aufgaben übernimmt, sammelt Erfahrung, Sichtbarkeit und Verantwortung.

Wenn diese Aufgaben seltener vergeben werden, verändert sich langfristig auch die berufliche Perspektive.

Weniger analytische und komplexe Aufgaben

Die Forschenden fanden ein deutliches Muster: Nach der Geburt eines Kindes sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen Tätigkeiten mit hohem analytischem Anspruch übernehmen. Dazu zählen etwa umfangreiche Lese- oder Schreibarbeiten, anspruchsvolle Berechnungen oder datenbasierte Analysen.

Auch komplexe Tätigkeiten gehen zurück. Darunter fallen Aufgaben, die Problemlösung, eigenständiges Lernen oder den Umgang mit unerwarteten Situationen erfordern. Selbst interaktive Tätigkeiten – etwa Beratung, Koordination oder intensiver Kundenkontakt – treten seltener auf.

Damit verschiebt sich das Aufgabenprofil vieler Mütter spürbar.

Teilzeit als entscheidender Faktor

Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren.

„Auffällig ist dabei, dass diese Veränderungen vor allem bei Müttern auftreten, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Bei unveränderter Arbeitszeit zeigen sich hingegen kaum Verschiebungen im Aufgabenprofil“, erklärt Gundula Zoch, Professorin für Soziologie sozialer Ungleichheiten an der Universität Oldenburg.

Die Reduzierung der Arbeitszeit scheint also eine wichtige Rolle zu spielen. Teilzeitbeschäftigte übernehmen häufiger standardisierte oder weniger komplexe Tätigkeiten. Das kann im Alltag pragmatisch erscheinen – etwa um Arbeitsabläufe besser planbar zu machen.

Langfristig kann sich diese Verschiebung jedoch auf berufliche Entwicklungsmöglichkeiten auswirken.

Vereinbarkeit statt Qualifikationsverlust

Interessant ist auch, welche Faktoren laut Studie keine zentrale Rolle spielen. Weder längere Elternzeiten noch Berufswechsel erklären die Veränderungen im Tätigkeitsprofil.

„Längere Erwerbsunterbrechungen führen nicht automatisch zu stärkeren Verschiebungen im Tätigkeitsprofil. Auch ein Wechsel in eine andere berufliche Position erklärt die Veränderungen nicht“, sagt Schulz.

Die Ergebnisse sprechen deshalb eher für Erklärungen, die Belastungen durch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betonen. Wenn Zeitressourcen knapper werden, könnten weniger komplexe Aufgaben im Arbeitsalltag leichter zu bewältigen sein.

Ein unterschätzter Mechanismus der Ungleichheit

Für Gundula Zoch zeigt die Studie eine wichtige Facette der Arbeitswelt.

„Die Studie macht deutlich, dass Mutterschaft nicht nur Einkommen und Erwerbsumfang beeinflusst, sondern auch die Qualität und den Anforderungsgehalt von Arbeit. Gerade analytische und komplexe Tätigkeiten gelten als karriereförderlich und sind häufig mit besseren Aufstiegschancen verbunden.“

Damit rückt ein Mechanismus in den Fokus, der bislang selten diskutiert wurde. Ungleichheit entsteht nicht nur über Löhne oder Positionen, sondern auch über die Verteilung von Aufgaben.

Wer weniger anspruchsvolle Tätigkeiten übernimmt, sammelt weniger Erfahrung in genau jenen Bereichen, die für beruflichen Aufstieg entscheidend sind.


Originalpublikation:

Wiebke Schulz, Gundula Zoch:

The Job Task Penalty for Motherhood

in: Journal of Marriage and Family, DOI: 10.1111/jomf.70046

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