Im Zentrum des Buches steht die These, dass Vorhersagen Macht bedeuten. Wer weiß, was Menschen wahrscheinlich tun werden, kann ihr Verhalten beeinflussen. (Bild: Coverdetail/Verlag)
Kurzinfo: Prognosen, Macht und Verantwortung
- Thema des Buches ist die Geschichte und Gegenwart von Vorhersagen
- Autorin Carissa Véliz ist Philosophin mit Schwerpunkt Ethik und Technologie
- Prognosen als Instrument politischer und wirtschaftlicher Macht
- Fragen nach Freiheit und Selbstbestimmung im Zeitalter von Vorhersage-Algorithmen
Der Blick in die Zukunft war lange Zeit Sache von Priestern, Astrologen und Orakeln. Heute tragen ihn Datenanalysten, Tech-Konzerne und Algorithmen vor sich her wie eine moderne Form der Weissagung. In ihrem Buch Prophecy: Prediction, Power and the Fight For the Future, From Ancient Oracles to AI zeichnet die Philosophin Carissa Véliz diese Entwicklung nach – und stellt eine unbequeme Frage: Wer kontrolliert eigentlich die Vorhersagen, die unsere Entscheidungen prägen?
Von Delphi ins Silicon Valley
Véliz beginnt ihre Reise in der Antike. Damals suchten Herrscher im Orakel von Delphi Rat, bevor sie Kriege begannen oder Allianzen schmiedeten. Vorhersagen waren nie neutral – sie waren stets eingebettet in Machtstrukturen. Genau diese Linie zieht die Autorin bis in die Gegenwart: Heute liefern nicht mehr Priester, sondern Datenmodelle Prognosen über unser Verhalten.
Was sich verändert hat, ist weniger das Prinzip als die Reichweite. Während Orakel nur wenigen zugänglich waren, durchdringen algorithmische Vorhersagen heute den Alltag – von Kreditentscheidungen bis zur personalisierten Werbung.
Die neue Macht der Prognosen
Im Zentrum des Buches steht die These, dass Vorhersagen Macht bedeuten. Wer weiß, was Menschen wahrscheinlich tun werden, kann sie beeinflussen – subtil, oft unbemerkt. Plattformen nutzen Daten, um Verhalten zu lenken, Märkte zu gestalten und politische Meinungen zu formen.
Véliz beschreibt das mit nüchterner Klarheit. Sie verzichtet auf alarmistische Töne, zeigt aber konsequent, wie eng Vorhersage und Kontrolle miteinander verwoben sind. Es geht nicht nur um Technik, sondern um gesellschaftliche Spielregeln.
Der Mensch als berechenbares Muster
Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen die Autorin den Blick auf den Einzelnen richtet. Wenn Algorithmen uns immer genauer kennen, entsteht ein paradoxes Gefühl: Wir werden berechenbarer – und zugleich schwerer greifbar als Individuen.
Véliz fragt, was das für Freiheit bedeutet. Ist eine Entscheidung noch frei, wenn sie vorhergesagt und beeinflusst wurde? Oder verschiebt sich Freiheit schlicht in neue Räume, die weniger sichtbar sind?
Ethik im Zeitalter der KI
Das Buch ist auch ein Plädoyer für Verantwortung. Véliz argumentiert, dass Prognosesysteme nicht nur effizient, sondern auch gerecht sein müssen. Sie fordert klare Regeln für den Umgang mit Daten und Vorhersagen – und mehr Transparenz darüber, wie Entscheidungen zustande kommen.
Dabei bleibt sie konkret: Es geht um Regulierung, aber auch um gesellschaftliche Debatten. Wer darf vorhersagen, wer wir sind – und wer wir sein werden?
Der Kampf um die Zukunft
Am Ende wird deutlich: Es geht nicht nur um Technologie, sondern um Deutungshoheit. Zukunftsvorhersagen sind kein neutraler Raum, sondern ein Feld, auf dem Interessen aufeinandertreffen. Véliz macht klar, dass Prognosen immer auch politische Instrumente sind. Die Zukunft gehört nicht denen, die sie am genauesten vorhersagen, sondern denen, die entscheiden, wie mit diesen Vorhersagen umgegangen wird.
![]() | Carissa Véliz, Prophecy: Prediction, Power, and the Fight for the Future, from Ancient Oracles to AI Doubleday ersch. April 2026 384 S., 15,99 Euro (Paperback) |
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin Hülya Bilgisayar betreut das Buchtipp-Ressort von Phaenomenal.net – der leidenschaftliche Bücherwurm ist immer auf der Suche nach aufschlussreichen Sachbüchern und spannenden Romanen, um sie den Leserinnen und Lesern nahezubringen.
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