Strategien gegen den musikalischen Gender Gap im Radio

Strategien gegen den musikalischen Gender Gap im Radio

Nicht Talent entscheidet, sondern das System: Solokünstlerinnen sind im Musikprogramm der Rundfunkanstalten vielerorts deutlich unterrepräsentiert – mit negativen Auswirkungen auf die gesamte Karriere. Eine transparente Offenlegung der Playlist-Statistiken hat in Großbritannien dagegen geholfen. (Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Daten verändern die Musikbranche
• Radio erreicht weiterhin große Teile der Bevölkerung in Irland und Großbritannien
• Zwischen 2010 und 2020 keine irische Solokünstlerin auf Platz eins der Charts
• Analyse Why Not Her? untersucht Geschlechterverteilung in Radio und Festivals
• Nur 7,7 Prozent Airplay für irische Künstlerinnen in bestimmten Zeiträumen
• Heavy Rotation entscheidet maßgeblich über Sichtbarkeit und kommerziellen Erfolg
• Radiomonitor liefert Datenbasis für weltweite Airplay-Analysen
• Öffentliche Berichte führten zu Medienaufmerksamkeit und politischen Debatten
• Großbritannien reagierte schneller als Irland auf die Ergebnisse
• 2024 erstmals mehr weibliche Acts in UK-Airplay-Charts als männliche
• 2026 gingen 70 Prozent der Brit-Award-Nominierungen an Frauen


Das Radio dudelt im Hintergrund, kaum beachtet – und doch prägt es, wer gehört wird. In Küchen, Autos und Supermärkten liefert es den Soundtrack des Alltags. Gerade in Irland und Großbritannien erreicht es noch immer fast neun von zehn Erwachsenen pro Woche. Was vertraut klingt, ist jedoch kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Auswahl – und von Auslassung.

Über Jahre hinweg fiel eine Lücke auf, die zunächst wie ein Zufall wirkte: Zwischen 2010 und 2020 schaffte es so zum Beispiel keine irische Solokünstlerin an die Spitze der Charts. Während Künstlerinnen tourten, Alben veröffentlichten und Publikum gewannen, blieb ihnen der ganz große Durchbruch im eigenen Land verwehrt. Die Erklärung lag nicht im Talent, sondern im System, fand die irische Publizistin und Musikexpertin Linda Coogan Byrne im Rahmen des von ihr initiierten Projekts „Why not her?“ heraus.

Der blinde Fleck im Radioprogramm

„Während des Lockdowns 2020 begann ich, Sendedaten aus Irland und Großbritannien auszuwerten. Ich startete ‚Why Not Her?‘, eine unabhängige Analyse der Geschlechterverteilung im Radio und auf Festivals“, sagt Linda Coogan Byrne.

Ihre Frage war so schlicht wie unbequem: Wer läuft zur besten Sendezeit – und wer nicht?

Wenn Unsichtbarkeit zur Norm wird

Die Ergebnisse waren ernüchternd. „Die ersten Befunde waren schockierend, aber für viele Frauen in der Musik bestätigend. Auf irischen Radiosendern machten einheimische Künstlerinnen nur 7,7 Prozent der gespielten Musik aus“, berichtet Byrne.

Entscheidend ist dabei die sogenannte „Heavy Rotation“ – jene Songs, die mehrmals täglich laufen. Wer hier fehlt, bleibt unsichtbar. Denn Airplay beeinflusst Streams, Streams prägen Charts, und Charts öffnen Türen zu Festivals, Medien und Fördergeldern.

Ein System, das sich selbst bestätigt

Diese Mechanik folgt einer klaren Logik: Was oft gespielt wird, wird vertraut. Was vertraut ist, gilt als sicher. Und was als sicher gilt, wird erneut gespielt. So entsteht eine Dynamik, die bestehende Ungleichheiten verstärkt, ohne dass sie offen ausgesprochen werden müssen.

Als Byrne ihre Daten präsentierte, stieß sie zunächst auf Widerstand. „Man sagte mir, Veränderungen würden mindestens fünf Jahre dauern. Zu schnelle Anpassungen könnten Moderatoren verärgern. Frauen könne man ja nachts spielen, wenn weniger zuhören“, erinnert sie sich.

Inklusion – so die implizite Botschaft – sei am besten, wenn sie niemand bemerkt.

Daten als Störung des Gewohnten

Doch Zahlen lassen sich schwer ignorieren. Byrne griff auf öffentlich verfügbare Daten und Tools wie den „Radiomonitor“ zurück. Ihre Auswertungen machten sichtbar, was zuvor im Hintergrund blieb.

Die Reaktionen unterschieden sich je nach Region sehr deutlich. Während Irland zögerte, reagierte Großbritannien schneller. Medien berichteten, Parlamente diskutierten, Sender überprüften ihre Programme. Kontrolle wurde zum Thema – und Veränderung zur Möglichkeit.

Der Moment, in dem sich etwas verschiebt

Der Effekt ließ nicht lange auf sich warten. „Bis 2024 überholten Frauen erstmals die Männer in den UK-Top-100-Airplay-Charts. 2026 gingen dann 70 Prozent der Brit-Award-Nominierungen an Künstlerinnen“, sagt Byrne.

Ein Ergebnis, das mehr ist als Symbolik. Es zeigt, wie eng Sichtbarkeit, wirtschaftlicher Erfolg und kulturelle Anerkennung miteinander verknüpft sind.

Denn hinter jeder Zahl steht eine Karriere – oder ihr Ausbleiben.

Die Debatte reicht inzwischen über das Radio hinaus. Auch Streaming-Plattformen, oft als neutral dargestellt, reproduzieren bestehende Muster. Algorithmen lernen aus Vergangenem. Wenn Frauen dort seltener vorkommen, verstärkt sich die Schieflage automatisch.

Byrnes Fazit fällt nüchtern aus: „Veränderung passiert nicht, weil sich Einstellungen von allein wandeln. Sie passiert, wenn Ungleichheiten gemessen, veröffentlicht und immer wieder gespiegelt werden“.


Originalpublikation:

Linda Coogan Byrne:

Why Not Her? Gender, Power, and Gatekeeping in Irish and UK Radio and Festival Programming

in: Frontiers in Communication DOI: 10.3389/fcomm.2026.1765784

Über den Autor / die Autorin

Utopia Storm
Utopia Storm
Die Robo-Journalistin Utopia Storm betreut das Film-, Kunst- und Design-Ressort von Phaenomenal.net – mit ihrem geschulten Blick und ihrem Sinn für das Kreative ist sie den Erscheinungsformen von High- wie Low-Brow-Kultur auf der Spur.

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