Mit der Smartbomb begann das Zeitalter der „chirurgischen Schläge“, bei der zivile Opfer zu Kollateralschäden wurden. Doch das Bild vom „sauberen Krieg“ war von Anfang an trügerisch, zeigt Jeffrey E. Sterns neues Buch. (Bild: Coverdetail/Dutton Verlag)
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Kurzinfo: „The Warhead“
- Sachbuch über präzisionsgelenkte Munition und ihre gesellschaftliche Wirkung
- Buch hinterfragt den Mythos vom „humanen Präzisionskrieg“
- Autor Jeffrey E. Stern ist Journalist und schrieb zuvor „The Mercenary“
- Zentrale Technologie ist die von Texas Instruments mitentwickelte Paveway-Technologie für Smartbombs
Es klingt nach einer modernen Idee: Nicht maximale Zerstörung, sondern maximale Präzision. Die perfekte Waffe, so heißt es heute, soll nicht mehr ganze Städte pulverisieren, sondern nur den „Schuldigen“ treffen – schnell, exakt, angeblich human. Jeffrey E. Stern nimmt diese Verheißung in seinem neuen Sachbuch The Warhead auseinander. Und zwar nicht, indem er moralisiert, sondern indem er erzählt: mit Szenen, Figuren und historischen Scharniermomenten, die zeigen, wie Technik und Politik einander gegenseitig antreiben.
Stern, Journalist und Autor des Afghanistan-Buchs The Mercenary (2023), verfolgt die Geschichte präzisionsgelenkter Munition über ein halbes Jahrhundert. Dabei wird sein Buch zu einer Art Weltgeschichte der „gezielten Gewalt“ – und zugleich zu einem Bericht über Hybris, Kollateralschäden und die Illusion, Krieg lasse sich wie ein chirurgischer Eingriff führen.
Vom Bombenteppich zur Präzision
Stern setzt bei einer historischen Verschiebung an: Früher galt die perfekte Waffe als diejenige, die möglichst viel Schaden anrichtet – größere Kanonen, schwerere Bomben, Atomwaffen statt konventioneller Sprengsätze. Heute dagegen, im Zeitalter politischer Rechtfertigung und medialer Dauerbeobachtung, zählt der gegenteilige Anspruch: möglichst wenig Schaden, möglichst wenig „falsche“ Tote.
Doch genau dieser Anspruch ist es, der Sterns Geschichte antreibt. Denn er zeigt: Präzision ist kein moralischer Fortschritt, sondern ein technisches Werkzeug – und damit abhängig von menschlichen Entscheidungen.
Texas Instruments – vom Taschenrechner zur Kriegsmaschine
Die zentrale Rolle in Sterns Buch spielt Texas Instruments, ein Konzern, den viele eher mit Taschenrechnern verbinden. Doch ausgerechnet diese Elektronikfirma überzeugte das Pentagon, dass Bomben mit elektronischer Steuerung ihre Ziele viel genauer treffen können als klassische Freifallbomben.
Die Idee war nicht, eine neue Bombe zu erfinden, sondern eine alte zu veredeln: Ein elektronisches Lenksystem, gekoppelt an Lasersignale, machte aus der „dummen“ Bombe eine gelenkte Waffe. Der Name dieses ersten Präzisionssystems: Paveway.
Vietnamkrieg: die Geburtsstunde von Paveway
Der Vietnamkrieg war das Testfeld – und die Krise, die Präzision notwendig erscheinen ließ. Die US-Luftwaffe warf tonnenweise Bomben ab, im Stil des Zweiten Weltkriegs, aber oft ohne strategischen Effekt. Ein Symbol dafür war die sogenannte Dragon’s Jaw Bridge über den Song-Ma-Fluss.
Über sieben Jahre und 700 Einsätze gingen 29 Flugzeuge verloren, ohne dass die Brücke dauerhaft ausgeschaltet werden konnte. Erst mit Paveway gelang der Durchbruch: Stern berichtet, die gelenkten Bomben seien zweihundertmal effektiver gewesen als herkömmliche. 1972 wurde die Brücke schließlich mit einem einzigen Schlag zerstört.
Bis Kriegsende lieferte Texas Instruments rund 100.000 Paveways an die Air Force – und ebnete damit nicht nur den Weg für neue Militärdoktrinen, sondern auch für einen Markt, in dem Mikrochips plötzlich als „denkfähige“ Bauteile gefragt waren.
Golfkrieg etc.: der Aufstieg der Fernbedienungsgewalt
Nach Vietnam verschwand Paveway nicht, sondern wurde zum Standard. 1986 setzte Ronald Reagan präzisionsgelenkte Waffen in Libyen ein (Operation El Dorado Canyon). Später kamen neue Generationen hinzu: Erst Lasersteuerung, dann GPS-gestützte Systeme, die Ziele auch aus großer Höhe und Entfernung treffen konnten.
Der Challenger-Absturz verzögerte zunächst die Raumfahrtkomponente der Steuerung, doch der Golfkrieg beschleunigte die Nachfrage nach kleineren, günstigeren und zugleich effektiveren Waffen. In den 1990er Jahren nutzte die Clinton-Regierung Paveway-Systeme in Bosnien und Kosovo. Der Krieg wurde zunehmend aus der Distanz geführt – oft ohne Risiko für amerikanische Soldaten.
Präzision tötet trotzdem
Sterns Buch bleibt dabei nicht in der Technik stecken. Seine dunklere Seite liegt in Augenzeugenberichten, die zeigen, was Präzisionswaffen am Boden anrichten: Auch die Unschuldigen sterben – teils zu Tausenden, wie in Serbien oder im Irak. Die Distanz schafft nicht nur Sicherheit, sondern auch politische Bequemlichkeit: Wer per Knopfdruck tötet, spürt die Folgen schlechter Entscheidungen weniger.
Die bitterste Ironie, die über Sterns Buch liegt: Der Wunsch, Leid zu reduzieren, kann am Ende neues Leid erzeugen – weil Präzision Krieg leichter anwendbar macht.
![]() | Jeffrey E. Stern, The Warhead. The Quest to build the Perfect Weapon in the Age of Modern Warfare, Dutton/Penguin Random House, ersch. Januar 2026, 416 Seiten, 33 Euro |
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin Hülya Bilgisayar betreut das Buchtipp-Ressort von Phaenomenal.net – der leidenschaftliche Bücherwurm ist immer auf der Suche nach aufschlussreichen Sachbüchern und spannenden Romanen, um sie den Leserinnen und Lesern nahezubringen.
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