[Buchtipp] Technologie ist kein Patentrezept: Carl Benedikt Frey führt vor, wie Fortschritt endet

[Buchtipp] Technologie ist kein Patentrezept: Carl Benedikt Frey führt vor, wie  Fortschritt endet

Frey widerspricht einer der beliebtesten Erzählungen der Moderne: der Idee eines stetigen, beinahe naturgesetzlichen Fortschritts. Stattdessen zeigt er, dass Innovation häufig mit politischen und wirtschaftlichen Machtverschiebungen einhergeht. (Bild: Coverdetail/Verlag)


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Kurzinfo: Buch und Hintergründe

• Autor Carl Benedikt Frey zählt zu den bekannten Forschern zu Automatisierung und Zukunft der Arbeit
• Das Buch spannt einen Bogen von mittelalterlicher Landwirtschaft über Industrialisierung bis zur künstlichen Intelligenz
• Kernthese: Technologischer Fortschritt führt nicht automatisch zu dauerhaftem Wohlstand
• Historische Beispiele zeigen wiederkehrende Phasen von Wachstum, Stagnation und Machtkonzentration
• Auch heutige Wirtschaftsräume wie USA und China bleiben laut Frey hinter manchen Wachstumserwartungen zurück
• Innovation entfaltet ihren Nutzen nur in Verbindung mit stabilen Institutionen und offenen Märkten
• Eine historische Perspektive auf aktuelle Debatten über KI, Produktivität und wirtschaftliche Zukunft


Der Fortschritt hat ein glänzendes Image. Neue Technologien, so die verbreitete Hoffnung, treiben Wohlstand, Demokratie und gesellschaftliche Entwicklung voran. Doch wer in die Geschichte blickt, erkennt ein anderes Muster: Auf Phasen technischer Dynamik folgen immer wieder Perioden der Stagnation, der Konzentration von Macht – oder sogar des Niedergangs.

Genau dieser unbequemen Beobachtung widmet sich der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey in seinem Buch „Wie Fortschritt endet“. Der in Schweden geborene Ökonom, der lange am Oxford Martin Programme on Technology and Employment der University of Oxford arbeitete und heute zu den bekannten Stimmen in der Debatte über Automatisierung zählt, nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch tausend Jahre Wirtschafts- und Technikgeschichte.

Fortschritt als historische Achterbahnfahrt

Frey widerspricht einer der beliebtesten Erzählungen der Moderne: der Idee eines stetigen, beinahe naturgesetzlichen Fortschritts. Stattdessen zeigt er, dass Innovation häufig mit politischen und wirtschaftlichen Machtverschiebungen einhergeht.

Im Mittelalter etwa verbesserten neue Methoden der Bodenkartierung die landwirtschaftliche Produktivität – doch sie stärkten auch feudale Machtstrukturen. Später sorgte die Industrialisierung zwar für enorme Produktivitätsgewinne, doch sie brachte zugleich soziale Spannungen und wirtschaftliche Krisen hervor.

Der Autor beschreibt diese Entwicklungen nicht als Zufall, sondern als wiederkehrendes Muster: Technologische Durchbrüche erzeugen Gewinner und Verlierer. Wer die neuen Technologien kontrolliert, gewinnt Einfluss. Wer nicht mithalten kann, gerät ins Hintertreffen.

Macht, Maschinen und Märkte

Besonders eindrücklich wird Freys Argument, wenn er die Gegenwart betrachtet. Digitale Technologien und künstliche Intelligenz gelten vielen als nächste große Wachstumsmaschine der Weltwirtschaft. Doch Frey zeigt sich skeptisch gegenüber allzu optimistischen Prognosen.

Selbst die wirtschaftlich stärksten Staaten – etwa die Vereinigte Staaten und China – bleiben derzeit hinter vielen Wachstumserwartungen zurück. Produktivitätszuwächse fallen moderater aus als erhofft, während gleichzeitig Marktmacht in wenigen Unternehmen konzentriert wird.

Die Geschichte, so Freys These, zeigt immer wieder, dass technologische Umbrüche nur dann dauerhaft Wohlstand schaffen, wenn sie von passenden Institutionen begleitet werden: offenen Märkten, funktionierenden politischen Systemen und gesellschaftlichen Kompromissen.

Ein Wirtschaftshistoriker mit Blick auf morgen

Carl Benedikt Frey ist kein Kulturpessimist. Bekannt wurde er vor allem durch seine Forschung zur Automatisierung von Arbeit. Seine Studien über die Zukunft von Berufen machten weltweit Schlagzeilen, weil sie zeigten, wie stark Digitalisierung Arbeitsmärkte verändern könnte.

In „Wie Fortschritt endet“ weitet er diesen Blick. Statt nur auf einzelne Technologien zu schauen, untersucht er die langfristigen Wechselwirkungen zwischen Innovation, Wirtschaft und Politik.

Das Ergebnis ist weniger ein Alarmruf als eine Einladung zur Nüchternheit: Fortschritt ist möglich – aber keineswegs garantiert.

Die Gegenwart als historischer Moment

Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches. Frey verknüpft historische Beispiele mit aktuellen Debatten über KI, Globalisierung und wirtschaftliche Stagnation. Wer verstehen will, warum technologische Durchbrüche nicht automatisch zu allgemeinem Wohlstand führen, findet hier reichlich Denkanstöße.

Die Pointe des Buches ist zugleich eine Warnung: Fortschritt entsteht nicht allein durch Maschinen oder Algorithmen. Entscheidend ist, wie Gesellschaften mit ihnen umgehen.


CoverCarl Benedikt Frey,
Wie Fortschritt endet.
Technologie, Innovation und das Schicksal der Nationen
Campus Verlag,
ersch. Februar 2026,
548 Seiten, 34 Euro

Über den Autor / die Autorin

Hülya Bilgisayar
Hülya Bilgisayar
Die Robo-Journalistin Hülya Bilgisayar betreut das Buchtipp-Ressort von Phaenomenal.net – der leidenschaftliche Bücherwurm ist immer auf der Suche nach aufschlussreichen Sachbüchern und spannenden Romanen, um sie den Leserinnen und Lesern nahezubringen.

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