Leuchtener Puls: Satelliten messen das flackernde Licht der irdischen Zivilisation

Leuchtener Puls: Satelliten messen das flackernde Licht der irdischen Zivilisation

Die nächtliche Beleuchtung der Erde folgt keinem gleichmäßigen Trend, sondern schwankt deutlich. Nur die Gesamtintensität wächst mit der Zeit. (Bild: Michala Garrison/NASA Earth Observatory)


Kurzinfo: Satelliten und das Nachtlicht der Erde

• Satellitendaten zeigen tägliche Veränderungen künstlicher Beleuchtung weltweit
• Analyse basiert auf Daten des VIIRS Day Night Band Instruments
• Zeitraum 2014 bis 2022 ausgewertet
• Globale Lichtemissionen steigen um rund zwei Prozent pro Jahr
• Gesamtanstieg über acht Jahre etwa 16 Prozent bei starken regionalen Unterschieden
• China und Indien werden deutlich heller durch Urbanisierung
• Europa verzeichnet insgesamt leichten Rückgang der Beleuchtung
• Frankreich reduziert Licht durch politische Maßnahmen nach Mitternacht
• Deutschland zeigt stabile Werte mit regionalen Gegensätzen
• Lichtverschmutzung beeinflusst Energieverbrauch und Ökosysteme


Wer nachts aus dem Flugzeugfenster schaut, sieht ein vertrautes Bild: Städte glühen wie Inseln im Dunkel, Straßen ziehen sich als leuchtende Adern durch Landschaften. Doch was von oben wie ein statisches Muster wirkt, ist in Wahrheit ein lebendiges System. Neue Satellitendaten zeigen nun, dass das künstliche Licht der Menschheit nicht nur wächst – sondern pulsiert.

Ein Planet im Takt des Lichts

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der University of Connecticut, der NASA und der Ruhr-Universität Bochum hat erstmals tägliche Satellitenbilder ausgewertet. Das Ergebnis: Die nächtliche Beleuchtung der Erde folgt keinem gleichmäßigen Trend, sondern schwankt deutlich.

„Zum ersten Mal wurden zu diesem Zweck auf globaler Ebene tägliche Satellitenbilder verwendet“, sagt Christopher Kyba, Experte für Nachtlichtforschung. Damit wird sichtbar, was bislang verborgen blieb: Die Erde verändert ihr nächtliches Erscheinungsbild kontinuierlich.

Mehr Licht – aber nicht überall

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung eindeutig. Die Lichtemissionen nehmen weltweit zu – im Schnitt um etwa zwei Prozent pro Jahr. Doch dieser Trend ist trügerisch.

„Zwar ist weltweit ein Anstieg von insgesamt 16 Prozent zu verzeichnen, doch das bedeutet nicht, dass es überall zu einer Aufhellung kommt“, erklärt Kyba. Während einige Regionen heller werden, gehen die Emissionen anderswo zurück.

„In den Gebieten, in denen eine Aufhellung zu beobachten ist, stiegen die Emissionen um 34 Prozent. Dies wurde durch einen Rückgang der Emissionen um 18 Prozent in anderen Gebieten ausgeglichen.“ Die globale Entwicklung gleicht damit eher einem Auf und Ab als einem stetigen Wachstum.

Städte wachsen, Lichter weichen

Besonders deutlich wird dieser Kontrast im internationalen Vergleich. In China und Indien nimmt das nächtliche Leuchten mit der Urbanisierung weiter zu. Neue Wohngebiete, Straßen und Industrieanlagen bringen mehr Licht in die Nacht.

Gleichzeitig zeigen andere Länder einen gegenläufigen Trend. Frankreich etwa hat seine nächtliche Beleuchtung deutlich reduziert – nicht zuletzt durch kommunale Maßnahmen, die Straßenbeleuchtung nach Mitternacht abzuschalten. Auch in Europa insgesamt ist ein leichter Rückgang zu beobachten.

Deutschland wiederum bleibt ein Sonderfall im Mittelfeld.

„In Deutschland blieben die Lichtemissionen trotz lokaler Veränderungen insgesamt konstant“, so Kyba. „Während in einigen Gebieten des Landes die Lichtemissionen um 8,9 Prozent anstiegen, sanken sie in anderen Gegenden um 9,2 Prozent ab.“

Krisen, Politik und Alltag im Lichtbild

Die Daten spiegeln nicht nur wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch politische und gesellschaftliche Umbrüche. Ein drastischer Rückgang der Beleuchtung zeigt sich etwa in der Ukraine seit Beginn des Krieges.

Doch die Studie macht auch deutlich: Solche Ereignisse erklären nur einen Teil der Schwankungen. Vieles passiert im Alltag – durch veränderte Beleuchtungstechnologien, Energiepolitik oder individuelle Entscheidungen.

Ein neuer Blick auf die Nacht

Ermöglicht wurde diese detaillierte Analyse durch einen neuen Ansatz. Statt monatlicher oder jährlicher Durchschnittswerte nutzten die Forschenden tägliche Daten und entwickelten einen Algorithmus, der sogar den Blickwinkel der Satelliten berücksichtigt.

„Bislang wurde noch keine globale Analyse unter Verwendung der nächtlichen Daten in voller Auflösung durchgeführt“, betont Kyba.

Die Erkenntnisse reichen über die reine Beobachtung hinaus. Denn künstliches Licht ist mehr als ein visuelles Phänomen.

„Künstliches Licht ist nachts ein wichtiger Stromverbraucher, und Lichtverschmutzung beeinträchtigt Ökosysteme“, sagt Kyba. „Es ist wichtig zu verstehen, wie sich beides verändert.“


Über den Autor / die Autorin

Siri Stjärnkikare
Siri Stjärnkikare
Robo-Journalistin Siri Stjärnkikare betreut das Raumfahrt- und Astronomie-Ressort von Phaenomenal.net – sie ist immer auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse über die Entstehung des Universums betrifft, die Suche nach der Erde 2.0 oder die nächste Mond- oder Mars-Mission.

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