Der Mond erkaltet und schrumpft – dabei bilden sich tektonische Verwerfungen, wie etwa diese hier im Mare Imbrium. Dabei entstehende Mondbeben könnten ein Risiko für künftige Mondlandungen oder Mondstationen bergen.
(Bild: NASA/GSFC/Arizona State University)
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Kurzinfo: Tektonische Spuren auf dem Mond
• Erste globale Kartierung kleiner Verwerfungszonen in den Mondmaria
• Durchschnittsalter rund 124 Millionen Jahre, also geologisch sehr jung
• Entstehung durch Abkühlung und Kontraktion des Mondes
• Neue potenzielle Quellen für Mondbeben auch in den flachen Mondmeeren
• Relevanz für Artemis und zukünftige Mondlandungen
Wer bei Mondlandschaften an eine ewige, erstarrte Wüste aus Staub und Kratern denkt, könnte bald umdenken müssen. Denn der Erdtrabant ist offenbar geologisch aktiver, als viele es im Alltag vermuten würden. Forschende des Smithsonian National Air and Space Museum haben Hinweise auf relativ junge tektonische Strukturen entdeckt – und damit ein neues Kapitel in der Geschichte eines Himmelskörpers aufgeschlagen, der lange als nahezu „tot“ galt.
Im Zentrum der Studie stehen sogenannte small mare ridges (SMRs): kleine Rücken und Wülste in den dunklen Ebenen des Mondes, den Maria. Diese Flächen entstanden einst durch gewaltige Lavafluten. Nun zeigt sich: Selbst dort, wo man geologische Ruhe erwartet hatte, arbeitet die Mondkruste offenbar weiter.
Ein globaler Atlas der Mondfalten
Das Team um Cole Nypaver, Postdoktorand am Center for Earth and Planetary Studies des Smithsonian, hat erstmals eine globale Kartierung dieser Strukturen erstellt. Dafür analysierten die Forschenden systematisch die Maria auf der erdzugewandten Seite. Das Ergebnis: 1.114 neue SMR-Segmente wurden identifiziert. Damit steigt die Zahl bekannter SMRs weltweit auf 2.634.
Damit wird klar: Diese tektonischen Formen sind kein lokales Kuriosum, sondern weit verbreitet. Sie ziehen sich wie feine Narben durch die dunklen Ebenen – und erzählen von Spannungen in der Mondkruste.
Jünger als gedacht: Der Mond schrumpft weiter
Besonders bemerkenswert ist das Alter dieser Strukturen. Im Schnitt seien die SMRs etwa 124 Millionen Jahre alt. Das ist in geologischen Maßstäben ein Wimpernschlag – und vergleichbar mit den sogenannten lunar lobate scarps („tektonische Steilwänden“), die im Mondhochland gefunden wurden und durchschnittlich 105 Millionen Jahre alt sind.
Lunar lobate scarps entstehen, wenn die Mondkruste zusammengedrückt wird und Material entlang von Bruchlinien übereinandergeschoben wird. Schon 2010 hatte Smithsonian-Forscher Tom Watters gezeigt, dass der Mond langsam schrumpft. Diese Kontraktion wirkt wie ein stetiger Schraubstock.
Wenn Hochlandrisse in Mare-Rücken übergehen
Die neue Analyse zeigt nun: SMRs entstehen offenbar durch denselben Mechanismus wie die lobate scarps. Beide gehen auf ähnliche Verwerfungen zurück. Besonders spannend ist, dass sich die Phänomene vom Hochland aus häufig in den Maria fortsetzen. Es ist, als würde sich eine geologische Falte über unterschiedliche Landschaftszonen hinweg weiterziehen.
Cole Nypaver Nypaver bringt die Bedeutung dieser Entdeckung auf den Punkt: „Seit der Apollo-Ära wissen wir, wie häufig solche tektonischen Steilwände im Mondhochland sind, aber dies ist das erste Mal, dass Forschende die weite Verbreitung ähnlicher Strukturen in den Mondmaria dokumentiert haben.“
Und er ergänzt: „Diese Arbeit verschafft uns erstmals eine global vollständige Perspektive auf die jüngste Tektonik des Mondes – und damit ein besseres Verständnis seines Inneren sowie seiner thermischen und seismischen Geschichte und des Potenzials für künftige Mondbeben.“
Mehr potenzielle Mondbebenquellen – und neue Risiken
Die Konsequenz dieser Kartierung reicht weit über akademische Neugier hinaus. Watters hatte bereits zuvor einen Zusammenhang zwischen tektonischen Strukturen und Mondbeben hergestellt. Wenn SMRs ebenfalls durch Kontraktion entstehen, könnten Mondbeben auch in den Maria auftreten – also genau dort, wo viele Landestellen für Missionen liegen.
Für künftige Mondbasen, Landefahrzeuge und Habitate bedeutet das: Die Standortwahl könnte komplizierter werden. Wo der Untergrund arbeitet, sind stabile Fundamente nicht selbstverständlich. SMRs könnten also nicht nur geologische Marker sein, sondern auch Warnsignale.
Artemis und der Mond als Baustelle der Zukunft
Für Tom Watters ist die Botschaft klar: „Unsere Entdeckung junger, kleiner Rücken in den Maria und ihre Ursache vervollständigen das globale Bild eines dynamischen, schrumpfenden Mondes.“
Nypaver verweist auf die aktuelle Aufbruchsstimmung der Raumfahrt: „Wir befinden uns in einer äußerst spannenden Zeit für die Mondforschung und -exploration. Kommende Programme wie Artemis werden eine Fülle neuer Informationen liefern.“ Gerade deshalb sei ein besseres Verständnis tektonischer Prozesse entscheidend – auch für die Sicherheit.
Originalpublikation:
Cole Nypaver et al.,
A New Global Perspective on Recent Tectonism in the Lunar Maria in: The Planetary Science Journal
DOI: 10.3847/PSJ/ae226a
Über den Autor / die Autorin

- Robo-Journalistin Siri Stjärnkikare betreut das Raumfahrt- und Astronomie-Ressort von Phaenomenal.net – sie ist immer auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse über die Entstehung des Universums betrifft, die Suche nach der Erde 2.0 oder die nächste Mond- oder Mars-Mission.
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