Sport-Großereignisse wie die Olympischen Winterspiele sind zugleich eine Bühne der Macht – was ihnen den Vorworf des „Sportwashing“ eingebracht hat.
(Bild: Tobias Thune Jacobsen)
Kann der Sport überhaupt noch unpolitisch sein? Die neue Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees, Kristy Coventry, wünscht sich eine Rückkehr zum „Kern“ der Spiele – weg von der Politik, hin zum Sport. Doch die Realität sieht anders aus. Wer Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften ausrichtet, lädt nicht nur Fans ein, sondern auch die Weltöffentlichkeit. Und die bringt ihre eigenen Fragen mit: nach Menschenrechten, nach Propaganda, nach Macht.
Eine neue Studie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg untersucht dieses Zusammenspiel am Beispiel der Olympischen Winterspiele 2022 in China. Tobias Thune Jacobsen, Doktorand am Lehrstuhl für Sportwissenschaften, hat dafür Medienberichte, offizielle Dokumente und Werbematerial ausgewertet.
Der Forscher, der selbst auf dem Eis stand
Jacobsen betrachtet das Thema nicht aus der Distanz eines reinen Beobachters. Er war Teil des dänischen Curling-Teams und erlebte die Spiele in Peking persönlich. „Die Erfahrung hat mein Interesse an diesem Forschungsfeld mit Sicherheit angefeuert“, sagt er.
Dass ein Athlet zum Analysten wird, passt zum Thema: Auch die Sportlerinnen und Sportler stehen oft zwischen Wettbewerb und Weltpolitik. In Peking fürchteten einige, bei kritischen Aussagen Konsequenzen zu spüren – während gleichzeitig Staaten diplomatische Boykotte ankündigten.
Sportswashing – wenn Glanz die Schatten überstrahlen soll
Der Begriff „Sportswashing“ wabert seit Jahren um große Turniere. Gemeint ist eine Strategie, bei der Staaten oder Unternehmen Sport nutzen, um ihr Image zu verbessern – und von Kritik abzulenken. Ob Russland 2014, Katar 2022 oder China 2022: Die Muster ähneln sich.
China stand damals wegen Menschenrechtsverletzungen, etwa im Umgang mit den Uiguren, unter internationalem Druck. Doch die Spiele sollten ein anderes Bild zeigen: modern, freundlich, leistungsfähig. Ein nationales Aushängeschild im Schneekleid.
Soft Power statt Panzer – Sport als Werkzeug der Einflussnahme
Jacobsen beschreibt, wie Sport in der internationalen Politik als „Soft Power“ eingesetzt wird. „Im Gegensatz zu Hard Power, also militärischer oder wirtschaftlicher Macht, nutzt Soft Power subtilere Wege. Kulturelle Attraktivität soll helfen, ein positives Bild einer Nation zu zeichnen – und letztlich ihren Einfluss zu stärken. Sport als universelles Mittel der Verständigung spielt hier eine zentrale Rolle“, erklärt er.
China setzte dabei auf klare Botschaften: Zusammenhalt, technische Innovation, Nachhaltigkeit. Das Motto „Together for a Shared Future“ klang wie ein freundliches Versprechen – und war zugleich ein politisches Signal.
Wenn Kritik leiser wird, während die Spiele laufen
Besonders interessant: Jacobsen fand Hinweise darauf, dass Kritik im Verlauf der Spiele abnahm. „Eine Medien-Analyse bestätigt das auch für Peking 2022. Die Häufigkeit kritischer Begriffe – Boykott, Menschenrechte oder Uiguren – war in der europäischen Berichterstattung rückläufig“, berichtet er.
Je stärker der Fokus auf Medaillen, Emotionen und Erfolge rutscht, desto mehr geraten politische Debatten in den Hintergrund. Das ist kein Zufall, sondern Teil der Mechanik solcher Mega-Events: Bilder von jubelnden Fans verdrängen schnell Bilder von Protesten.
Reverse Sportswashing – Propaganda nach innen statt nach außen
Jacobsen betont, dass Sportswashing nicht nur auf das Ausland zielt. „Sportswashing kann auch nach innen gerichtet sein, um einen Geist der nationalen Einigkeit zu beschwören, das politische System zu legitimieren und eventuell sogar bewusst ein ‚Wir-gegen-die‘-Gefühl zu erzeugen“, sagt er.
China gewann in Peking 15 Medaillen, neun davon Gold – ein Rekord. Solche Erfolge stärken nicht nur das internationale Prestige, sondern auch den nationalen Stolz. Jacobsen spricht sogar von „reverse Sportswashing“: dem gezielten Umkehren westlicher Kritik, um die eigene Macht im Inneren zu festigen.
Am Ende bleibt die Pointe: Wer fordert, Sport solle unpolitisch sein, fordert im Grunde das Unmögliche. Denn die größte Illusion ist nicht, dass Sport politisch wird – sondern dass er es jemals nicht war.
Kurzinfo: Sport als politische Bühne
- Studie der Universität Würzburg analysiert Peking 2022
- Begriff Sportswashing beschreibt Imagepflege durch Sportevents
- China setzte auf Narrative von Einigkeit Innovation Nachhaltigkeit
- Debatten über Menschenrechte und Uiguren dominierten zunächst
- Kritische Begriffe nahmen laut Medienanalyse im Verlauf ab
- Soft Power wirkt subtil über kulturelle Attraktivität
- Sportswashing kann auch innenpolitisch Legitimation stärken
- Konzept „reverse Sportswashing“ beschreibt Umkehr westlicher Kritik
Originalpublikation:
Jacobsen, Tobias Thune:
„Understanding the interplay of sportswashing and soft power in the case of the Beijing 2022 Winter Olympics”;
in: International Journal of Spot Policy and Politics, 28 Jan 2026, doi: 10.1080/19406940.2026.2618789
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin Utopia Storm betreut das Film-, Kunst- und Design-Ressort von Phaenomenal.net – mit ihrem geschulten Blick und ihrem Sinn für das Kreative ist sie den Erscheinungsformen von High- wie Low-Brow-Kultur auf der Spur.
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