Alle Vögel sind schon da – doch hört man das überhaupt noch? Vor allem die Vögel selbst leiden unter menschengemachtem Umgebungslärm, denn die Kommunikation über Laute ist für sie lebenswichtig. (Bild: Dave Keeling)
Kurzinfo: Lärmverschmutzung und Vögel weltweit
- Meta-Analyse der University of Michigan mit Daten aus über 150 Studien seit 1990
- Erfasst sechs Kontinente und rund 160 Vogelarten
- Besonders relevant sind Verkehr, Bauarbeiten und urbane Geräuschkulissen
- Forschende sehen Potenzial für bauliche und städteplanerische Gegenmaßnahmen
- Vögel nutzen akustische Signale zur Partnersuche und Gefahrenwarnung
- Lärm beeinflusst Verhalten, Stress, Wachstum und Fortpflanzung
Am frühen Morgen, wenn Städte noch schlafen, gehört die Luft den Vögeln. Dann schwirren Rufe durch Parks und Hinterhöfe, über Felder und Flussauen. Doch sobald der Berufsverkehr anspringt, kippt die Klangkulisse. Motoren, Baustellen, Flugzeuge – der Tag wird lauter, und für viele Vögel beginnt ein unsichtbarer Kampf: gegen Geräusche, die ihre Welt übertönen.
Eine neue Studie unter Leitung der University of Michigan zeichnet nun ein umfassenderes Bild davon, wie stark menschengemachter Lärm Vögel weltweit beeinflusst. Die Forschung stützt sich auf eine Auswertung von mehr als 150 Studien seit 1990. Sie umfasst Daten von sechs Kontinenten und rund 160 Vogelarten.
Eine globale Bestandsaufnahme aus 150 Studien
Die Biologin Natalie Madden, Hauptautorin der Studie, wollte nicht nur Einzelfälle betrachten. Sie suchte nach Mustern, die über Arten und Regionen hinweg gelten.
„Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie ist, dass menschengemachter Lärm viele Aspekte des Vogelverhaltens beeinflusst – und einige Reaktionen sind direkter mit der Fitness verbunden“, sagt Madden.
Damit meint sie nicht nur das Verhalten, sondern auch Faktoren, die direkt über Fortpflanzung, Wachstum und Überleben entscheiden.
Warum Vögel besonders empfindlich auf Lärm reagieren
Für Menschen ist Lärm vor allem ein Ärgernis. Für Vögel kann er existenziell sein. Ihre Kommunikation läuft über Schall – und der ist oft fein abgestimmt.
„Vögel sind stark auf akustische Informationen angewiesen. Sie nutzen Gesang, um Partner zu finden, Rufe, um vor Räubern zu warnen, und Küken rufen bettelnd, um ihren Eltern zu zeigen, dass sie hungrig sind. Wenn es also lauten Lärm in der Umgebung gibt, können sie dann noch Signale ihrer eigenen Art hören?“, erklärt Madden.
Lärm kann also die Partnersuche erschweren, Warnrufe überdecken und die Eltern-Kind-Kommunikation stören. Die Folge: weniger Nachwuchs, schlechteres Wachstum, mehr Stress.
Stress, Brutplätze und Stadtleben als Risikofaktoren
Besonders spannend ist, dass die Studie auch Gemeinsamkeiten zwischen Arten analysiert. Manche Vogelgruppen scheinen stärker gefährdet als andere. So zeigen Höhlenbrüter häufiger negative Effekte auf das Wachstum als Arten, die offen brüten. Außerdem weisen Vögel in Städten tendenziell höhere Stresshormonwerte auf als Artgenossen in ruhigeren Gebieten.
Das ist brisant, weil Vogelbestände ohnehin massiv schrumpfen. Seit 1970 sind in Nordamerika etwa drei Milliarden brütende Altvögel verschwunden. Landnutzung und Pestizide gelten als Haupttreiber – doch der Lärm rückt nun als unterschätzter Faktor stärker in den Fokus.
Lärm ist kein Schicksal – sondern ein Designproblem
Der leitende Autor Neil Carter sieht in den Ergebnissen nicht nur eine Warnung, sondern auch eine Chance. Denn wer Muster erkennt, kann gegensteuern.
„Indem wir diese Studien in einer Meta-Analyse zusammenführen, sehen wir, dass es vorhersehbare Effekte gibt. Und wenn wir sie vorhersagen können, dann können wir sie abschwächen, wir können sie reduzieren, wir können sie umkehren“, sagt Carter.
Die leise Hoffnung: Lösungen liegen bereits bereit
Carter verweist darauf, dass Städte längst Maßnahmen gegen Vogelschlag ergreifen, etwa durch besser sichtbare Glasflächen. Ähnlich könnten auch Materialien und Bauweisen helfen, die Schall schlucken oder umlenken.
„Wenn man all das weiß, und wenn man bedenkt, dass es technisch möglich ist, Lärm zu reduzieren und zu managen, dann wirkt das wie eine relativ leicht erreichbare Chance“, so Neil Carter.
Originalpublikation:
Natalie L. Madden et al.,
Trait-mediated effects of anthropogenic noise on bird behaviour and fitness
in: Proceedings of the Royal Society B Biological Sciences
DOI: 10.1098/rspb.2025.2521
Über den Autor / die Autorin

- Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.
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