Die zirkadiane Medizin rückt näher: Eine Haarprobe reicht in Zukunft aus, um den individuellen Takt der inneren Uhr zu bestimmen. (Bild: Bert Maier, Charité)
Kurzinfo: Haaranalyse und innere Uhr
• Neuer Test bestimmt Chronotyp anhand von Haarwurzeln
• Analyse von 17 Genen der molekularen Uhr
• Nur eine Probe notwendig für präzise Bestimmung
• Entwickelt von der Charité Universitätsmedizin Berlin
• Alternative zur aufwändigen Melatoninmessung im Labor
• Getestet an rund 4.000 Personen
• Ergebnisse vergleichbar mit bisherigen Standardmethoden
• Frauen im Schnitt leicht früherer Biorhythmus als Männer
• Lebensstil beeinflusst innere Uhr stärker als gedacht
• Grundlage für Entwicklung der zirkadianen Medizin
• Potenzial für personalisierte Therapien und Schlafdiagnostik
Es sind unscheinbare Proben, kaum größer als ein Fingernagel: ein paar Haare, sorgfältig ausgerissen, verpackt, verschickt. Was früher im Labor kaum zu gebrauchen war, könnte nun zum Schlüssel für eine neue Form der Medizin werden. Forschende der Charité in Berlin zeigen, dass sich die innere Uhr eines Menschen erstaunlich präzise an Haarwurzeln ablesen lässt – und eröffnen damit einen Blick in den persönlichen Takt des Körpers.
Wenn der Körper anders tickt als die Uhr
Viele kennen das Gefühl: Die Uhr springt vor oder zurück, doch der Körper bleibt zurück. Müdigkeit am falschen Zeitpunkt, Hunger zur Unzeit. Dahinter steckt die innere Uhr, die weit mehr steuert als nur den Schlaf.
„Zum Beispiel zeigen Studien, dass die Tageszeit, zu der bestimmte Krebsimmuntherapien verabreicht werden, deren Wirksamkeit entscheidend beeinflussen kann“, erklärt Achim Kramer von der Charité. „Das liegt vermutlich daran, dass – wie die meisten Organe unseres Körpers – auch das Immunsystem einem etwa 24-stündigen Rhythmus folgt. Und der ist individuell unterschiedlich.“
Die Idee dahinter: Medizin soll sich künftig stärker an diesem individuellen Rhythmus orientieren.
Ein Test aus wenigen Haaren
Bislang war es mühsam, den Chronotyp eines Menschen zu bestimmen. Stundenlange Messungen im Labor, schwaches Licht, wiederholte Speichelproben – all das machte die Methode für den Alltag unpraktisch.
„Die bisherige Standardmethode misst das Dunkelhormon Melatonin im Speichel, und zwar bei schwachem Licht über mehrere Stunden“, sagt Kramer. „Das lässt sich nur im Labor umsetzen und ist zu aufwändig für die breite Anwendung.“
Der neue Ansatz ist deutlich einfacher: Ein paar Haarwurzeln genügen.
Die Gene als Zeitmesser
In den Zellen der Haarwurzel analysieren die Forschenden die Aktivität von 17 Genen, die mit der inneren Uhr verknüpft sind.
„In diesen Zellen bestimmen wir die Aktivität von 17 Genen, die zur molekularen Uhr gehören oder durch sie gesteuert werden“, erklärt Kramer. „Aus diesem Muster lässt sich mithilfe maschinellen Lernens berechnen, zu welchem Zeitpunkt im Tagesrhythmus sich die Person befindet. Eine einzige Probe reicht dafür aus.“
Die Methode wurde bereits an rund 4.000 Menschen getestet – mit Ergebnissen, die sich mit bisherigen Verfahren messen können.
Unterschiede zwischen Männern und Frauen
Neben der technischen Innovation liefert die Studie auch neue Einblicke in den menschlichen Biorhythmus. So zeigt sich, dass Frauen im Schnitt etwas früher in den Abendmodus wechseln als Männer – allerdings nur um wenige Minuten.
„Wir gehen dennoch davon aus, dass sich das Geschlecht auf die innere Uhr auswirkt, denn Geschlechtshormone haben auch in anderen Studien einen Einfluss auf die biologische Taktung gezeigt“, sagt Kramer.
Spannender noch: Der Lebensstil spielt eine größere Rolle als lange angenommen. Erwerbstätige Menschen etwa folgen im Durchschnitt einem früheren Rhythmus als andere.
Der Weg zur zirkadianen Medizin
All diese Erkenntnisse münden in ein größeres Ziel: die sogenannte zirkadiane Medizin. Sie will Therapien an den individuellen Tagesrhythmus anpassen – etwa den Zeitpunkt der Medikamentengabe.
„Genetische Veranlagung, Alter, Geschlecht und Lebensstil spielen zusammen“, so Kramer. „Und deshalb können sich die inneren Uhren einzelner Menschen deutlich unterscheiden.“
Der neue Haar-Test könnte dabei helfen, diese Unterschiede erstmals praktikabel zu erfassen. Noch arbeiten die Forschenden daran, das Verfahren für den breiten Einsatz zu standardisieren.
Alter und Lebensstil beim persönlichen Chronotyp.
Originalpublikation:
Maier B et al.,
HairTime: A noninvasive assay for estimating circadian phase from a single hair sample.
in: PNAS 2026 Mar 25.
DOI: 10.1073/pnas.2514928123
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin H.O. Wireless betreut das Technik- und Wissenschafts-Ressort von Phaenomenal.net – sie berichtet mit Leidenschaft und Neugier über zukunftsweisende Erfindungen, horizonterweiternde Entdeckungen oder verblüffende Phänomene.
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