Neue Simulation zeigt: Ausbau bei Solar und Wind reicht nur für das Zwei-Grad-Klimaziel

Neue Simulation zeigt: Ausbau bei Solar und Wind reicht nur für das Zwei-Grad-Klimaziel

Die gute Nachricht: Bis 2050 könnten Windkraftanlagen etwa ein Viertel des weltweiten Stroms liefern, Solarenergie rund ein Fünftel. Die schlechte Nachricht: für das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens würde das nicht ausreichen. (Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Studie zu Solar- und Windwachstum

• Forschende analysieren globale Energiewende mithilfe von KI und historischen Daten
• Modell basiert auf 13.000 simulierten Zukunftsszenarien mit unterschiedlichen Wachstumspfaden
• Prognose bis 2050: Wind etwa 25 Prozent, Solar etwa 20 Prozent der Stromproduktion
• Entwicklung entspricht dem Zwei-Grad-Ziel, verfehlt jedoch das 1,5-Grad-Ziel deutlich
• Wachstum erneuerbarer Energien verläuft in Schüben statt gleichmäßig
• Politische Maßnahmen und Kostenentwicklungen sind zentrale Treiber
• COP28-Ziel zur Verdreifachung bis 2030 ist ambitioniert, aber noch erreichbar
• Rascher Ausbau der Erneuerbaren dabei entscheidend für Einhaltung strenger Klimaziele
• Verzögerungen erhöhen nötige Wachstumsraten erheblich


Die Energiewende gleicht einem Puzzle aus politischen Entscheidungen, technologischen Fortschritten und gesellschaftlichen Widerständen. Während Windräder und Solarmodule vielerorts zum festen Bestandteil der Landschaft geworden sind, bleibt die entscheidende Frage offen: Reicht ihr Wachstum aus, um die Klimaziele zu erreichen? Forschende der Chalmers University of Technology versuchen darauf eine ungewöhnliche Antwort zu geben – mit einer Art rechnerischer Zeitmaschine.

Der Blick in 13.000 mögliche Zukünfte

Statt einer klassischen Prognose haben die Wissenschaftler rund um Avi Jakhmola und Jessica Jewell ein Modell entwickelt, das auf 13.000 simulierten Zukunftswelten basiert. In diesen Szenarien wachsen Solar- und Windenergie unterschiedlich schnell – mal rasant, mal zögerlich. Ein Algorithmus lernt aus diesen Varianten, wie sich reale Entwicklungen wahrscheinlich fortsetzen.

„Wenn wir das Modell auf reale Daten anwenden, kann es uns sagen, was das wahrscheinlichste Ergebnis für die Zukunft ist – basierend auf dem, was wir bisher gesehen haben und den vielen virtuellen Welten, die es analysiert hat“, erklärt Jakhmola.

Das Ergebnis wirkt auf den ersten Blick beruhigend: Bis 2050 könnten Windkraftanlagen etwa ein Viertel des weltweiten Stroms liefern, Solarenergie rund ein Fünftel.

Zwischen Hoffnung und Lücke

Diese Zahlen passen zu einem Ziel: die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen – ein Kernziel des Pariser Klimaabkommen. Doch für das ambitioniertere Ziel von 1,5 Grad reicht das Tempo nicht aus.

„Bestehende Modelle zeigen gut, was passieren müsste, um Klimaziele zu erreichen, aber sie sagen uns nicht, was am wahrscheinlichsten ist. Genau diese Lücke wollten wir schließen“, sagt Jewell.

Der Unterschied zwischen den beiden Zielen mag abstrakt klingen, doch er entscheidet über konkrete Folgen: häufigere Extremwetter, steigende Meeresspiegel, wachsende wirtschaftliche Risiken.

Warum Wachstum nicht gleichmäßig verläuft

Ein zentraler Befund der Studie widerspricht vielen bisherigen Annahmen. Die Energiewende verläuft nicht in sanften Kurven, sondern in Schüben.

„Die meisten Modelle gehen von einer gleichmäßigen S-Kurve aus, aber so sieht die Realität nicht aus. Wachstum kommt oft in Schüben – und wer das ignoriert, kann die Dynamik falsch einschätzen“, so Jakhmola.

Diese Schübe entstehen oft durch politische Entscheidungen: neue Förderprogramme, regulatorische Änderungen oder plötzliche Kostensenkungen. Gleichzeitig bremsen Widerstände – etwa beim Netzausbau oder durch lokale Proteste – den Ausbau immer wieder aus.

Das ambitionierte Versprechen von COP28

Die auf der Klimakonferenz vereinbarte Verdreifachung der erneuerbaren Kapazitäten bis 2030 wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Sprint auf dünnem Eis. Im Modell liegt dieses Ziel im Bereich der seltensten Entwicklungen.

„Die Verdreifachung der erneuerbaren Energien ist nicht unmöglich, aber sie würde voraussetzen, dass in allen Ländern alles extrem gut läuft“, betont Jewell.

Es ist ein Szenario, das politisch gewollt ist, aber statistisch eher die Ausnahme darstellt.

Das enge Zeitfenster für 1,5 Grad

Besonders deutlich wird die Dringlichkeit beim Blick auf das 1,5-Grad-Ziel. Noch wäre es erreichbar – aber nur mit sofortiger Beschleunigung.

„Wenn wir jetzt beginnen, sind die nötigen Wachstumsraten anspruchsvoll, aber nicht beispiellos“, sagt Jakhmola. „Wenn wir jedoch bis 2030 warten, wird die nötige Beschleunigung viel steiler und abrupter. Das Zeitfenster schließt sich schnell.“


Originalpublikation:

Avi Jakhmola et al.,

Probabilistic projections of global wind and solar power growth based on historical national experience

in: Nature Energy DOI: 10.1038/s41560-026-02021-w

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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