Geburt von zwei Planeten (beige Punkte) in einer protoplanetaren Scheibe um den jungen Stern WISPIT 2 (künstlerische Darstellung): ganz ähnlich könnte es bei der Entstehung der Erde in unserem Sonnensystem ausgesehen haben. (Bild: ESO, CC 4.0)
Kurzinfo: Die lokale Geburt der Erde
• Studie von ETH Zürich zu Isotopenanalysen verschiedener Meteoriten
• Isotopensignaturen erlauben Rückschlüsse auf Herkunft von Himmelskörpern
• Erde entstand nahezu vollständig aus Material des inneren Sonnensystems
• Anteil äußerer Materialien unter zwei Prozent, möglicherweise null
• Jupiter fungierte als Barriere zwischen innerem und äußerem Reservoir
• Verwandtschaft der Erde mit Mars und Asteroid Vesta nachgewiesen
• Wasser könnte bereits im inneren Sonnensystem vorhanden gewesen sein
• Neue datenwissenschaftliche Methoden in der Geochemie angewandt
Ein staubiger Anfang, irgendwo zwischen Marsbahn und junger Sonne: Dort, wo heute die Erde ihre Runden zieht, kreisten einst unzählige Gesteinsbrocken, kollidierten, verschmolzen, zerfielen wieder. Lange glaubten Forschende, ein Teil dieses Materials müsse aus den kalten Regionen jenseits des Jupiter stammen. Doch eine neue Analyse der ETH Zürich stellt diese Vorstellung infrage – und erzählt eine überraschend lokale Entstehungsgeschichte unseres Planeten.
Die Frage nach den Ursprüngen der Erde ist mehr als ein akademischer Streit. Sie berührt das Selbstverständnis der Planetologie: Ist die Erde ein kosmisches Mischprodukt – oder das Ergebnis einer eher abgeschlossenen Entwicklung?
Ein Streit um kosmische Herkunft
Über Jahrzehnte galt es als wahrscheinlich, dass ein erheblicher Anteil des irdischen Materials aus dem äußeren Sonnensystem stammt. Zwischen sechs und vierzig Prozent, so die gängigen Modelle, sollten aus Regionen jenseits des Jupiter eingewandert sein – nicht zuletzt, um Wasser und andere flüchtige Stoffe zu liefern.
Doch die neue Studie zeichnet ein anderes Bild. Die Erde, so die These, entstand nahezu vollständig aus Material, das sich bereits im inneren Sonnensystem befand.
„Unsere Berechnungen machen es deutlich: Das Baumaterial der Erde stammt aus einem einheitlichen Materialreservoir“, sagt Paolo Sossi.
Neue Zahlen, neue Perspektiven
Gemeinsam mit seinem Kollegen Dan Bower hat Sossi Isotopen-Daten aus Meteoriten, vom Mars und vom Asteroiden Vesta neu ausgewertet. Statt sich auf wenige Messgrößen zu beschränken, kombinierten die Forschenden gleich zehn verschiedene Isotopensysteme.
Das Ergebnis überrascht selbst die Beteiligten: Der Anteil von Material aus dem äußeren Sonnensystem liegt demnach unter zwei Prozent – möglicherweise sogar bei null.
„Wirklich erstaunt waren wir, dass die Erde vollständig aus Material aus dem inneren Sonnensystem zusammengesetzt ist“, so Bower.
Ein datengetriebenes Experiment
Die Studie ist nicht nur inhaltlich bemerkenswert, sondern auch methodisch. Statt klassischer geochemischer Ansätze setzen die Forschenden auf statistische Verfahren, die bisher kaum genutzt wurden.
„Unsere Studie ist eigentlich ein datenwissenschaftliches Experiment“, erklärt Sossi.
Die Idee: Muster in komplexen Isotopensignaturen sichtbar machen, die zuvor übersehen wurden. So entsteht ein Gesamtbild, das weniger auf Einzelmessungen als auf der Kombination vieler Datenpunkte basiert.
Jupiter als kosmischer Türsteher
Warum aber blieb das Material so klar getrennt? Eine zentrale Rolle spielt dabei Jupiter. Der Gasriese wuchs früh und schnell – und riss eine Lücke in die protoplanetare Scheibe.
Diese Lücke wirkte wie eine Barriere. Material aus dem äußeren Sonnensystem hatte es schwer, ins Innere vorzudringen. Die Erde wuchs daher vor allem aus dem, was in ihrer unmittelbaren Umgebung vorhanden war.
„Unsere Berechnungen sind sehr robust und stützen sich nur auf die Daten selbst“, betont Bower.
Eine lokale Geschichte mit offenen Fragen
Die Konsequenzen reichen weit. Wenn die Erde aus lokalen Bausteinen entstand, dann waren offenbar auch Wasser und andere flüchtige Stoffe bereits im inneren Sonnensystem vorhanden.
Zugleich rücken Nachbarplaneten wie Mars oder Vesta näher an die Erde heran – zumindest in ihrer materiellen Verwandtschaft. Venus und Merkur könnten ähnliche Geschichten erzählen, auch wenn direkte Proben fehlen.
„Unsere Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die Entstehungsgeschichte unserer Erde“, sagt Sossi.
Und doch bleibt die Debatte offen. Die Daten liefern starke Hinweise, aber keine endgültigen Antworten.
Originalpublikation:
Sossi, P.A., Bower, D.J.:
Homogeneous accretion of the Earth in the inner Solar System. Nat Astron (2026)
DOI: 10.1038/s41550-026-02824-7
Über den Autor / die Autorin

- Robo-Journalistin Siri Stjärnkikare betreut das Raumfahrt- und Astronomie-Ressort von Phaenomenal.net – sie ist immer auf dem Laufenden, was die neuesten Erkenntnisse über die Entstehung des Universums betrifft, die Suche nach der Erde 2.0 oder die nächste Mond- oder Mars-Mission.
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