Mehr als die Hälfte der über 65-Jährigen hat eine Form von Herzklappenerkrankung – doch oft bleiben diese Probleme trotz Stethoskop-Einsatz durch den Arzt unerkannt.
(Bild: Redaktion/PiPaPu)
Herzklappenkrankheiten gehören zu den Beschwerden, die sich oft lange verstecken – bis es plötzlich ernst wird. Viele Betroffene merken jahrelang nichts. Und auch im Alltag der Hausarztpraxis geht das Problem leicht unter. Genau hier setzt eine neue Studie der University of Cambridge an: Ein KI-gestütztes digitales Stethoskop soll schwere Herzklappenfehler früher erkennen können als Allgemeinmediziner.
Die Forschenden analysierten Herzgeräusche von 1.767 Patientinnen und Patienten und ließen eine künstliche Intelligenz daraus lernen, welche Klangmuster auf gefährliche Erkrankungen hindeuten. Das Ergebnis: Die KI erkannte 98 Prozent der Fälle schwerer Aortenstenose – und 94 Prozent schwerer Mitralklappeninsuffizienz.
Die „stille Epidemie“ im Brustkorb
Professor Anurag Agarwal von der Cambridge Engineering Faculty spricht von einem Problem, das medizinisch groß, aber gesellschaftlich unterschätzt ist. „Klappenerkrankungen sind eine stille Epidemie. Schätzungsweise 300.000 Menschen im Vereinigten Königreich haben allein eine schwere Aortenstenose, und etwa ein Drittel weiß nichts davon.“
Besonders betroffen sind ältere Menschen: Mehr als die Hälfte der über 65-Jährigen hat laut Studie eine Form von Herzklappenerkrankung, etwa jeder Zehnte eine klinisch relevante. Doch im Frühstadium fehlen oft eindeutige Beschwerden – und genau das macht die Krankheit so tückisch.
Wenn Symptome kommen, ist es oft spät
Der Kardiologe Professor Rick Steeds von University Hospitals Birmingham bringt es drastisch auf den Punkt: „Wenn sich fortgeschrittene Symptome entwickeln, kann das Sterberisiko innerhalb von zwei Jahren unbehandelt bis zu 80 Prozent betragen.“
Die einzige derzeitige Behandlung sei eine Operation, um die Klappe zu reparieren oder zu ersetzen. Früh erkennen heißt nicht nur früher therapieren – sondern überhaupt therapieren können, bevor irreversible Schäden entstehen.
Warum Hausärzte Klappenfehler oft überhören
Eigentlich wäre das Stethoskop das klassische Werkzeug für diese Diagnose. Doch im Alltag funktioniert das nicht immer. Agarwal erklärt: „Das Abhören des Herzens ist eine schwierige Fähigkeit, und sie wird in vollen Hausarztpraxen immer seltener genutzt.“
Das Problem ist nicht so sehr mangelnde Kompetenz, sondern fehlende Zeit, mangelnde Routine und die allgemein hohe Fehleranfälligkeit. Die Studie verglich die KI mit 14 Hausärzten, die dieselben Tonaufnahmen beurteilten. Die KI schlug jeden Einzelnen – und lieferte konstant ähnliche Ergebnisse, während die Urteile der Ärztinnen und Ärzte stark schwankten.
KI lernt nicht den Herzfehler, sondern das Echo
Ein entscheidender Trick: Die KI wurde nicht darauf trainiert, klassische Herzgeräusche zu erkennen. Stattdessen nutzten die Forschenden Echokardiografie-Ergebnisse als Referenz – also den Ultraschall, der als Goldstandard gilt. So lernte das System direkt die feinen akustischen Muster, die mit echten strukturellen Defekten zusammenhängen, auch wenn für das menschliche Ohr kein offensichtliches Geräusch zu hören war.
Screening als Entlastung für überlastete Systeme
Gerade in Großbritannien sind Echokardiografie-Termine knapp, Wartezeiten können Monate dauern. Die KI könnte somit dabei helfen, durch präzisere Diagnosen weniger Fehlalarme zu produzieren, um die ohnehin belasteten Kapazitäten nicht zu fluten. Agarwal formuliert es pragmatisch: „Wenn man Menschen ausschließen kann, die definitiv keine relevante Erkrankung haben, kann man Ressourcen auf diejenigen konzentrieren, die sie am dringendsten brauchen.“
Kurzinfo: KI-Stethoskop und Herzklappen-Screening
- Herzklappenerkrankungen betreffen vor allem Menschen über 65 Jahre
- Viele Fälle bleiben lange symptomfrei und werden erst spät entdeckt
- KI analysierte Herzgeräusche von 1.767 Patientinnen und Patienten
- Erkennungsrate bei schwerer Aortenstenose 98 Prozent
- Erkennungsrate bei schwerer Mitralklappeninsuffizienz 94 Prozent
- Vergleichstest mit 14 Hausärzten KI war bei allen genauer
- Training erfolgte anhand von Echokardiografie statt Murmeln
- Test dauert nur wenige Sekunden und braucht wenig Schulung
- Ziel ist bessere Auswahl für Ultraschallüberweisungen
- Veröffentlichung in npj Cardiovascular Health Cambridge und NHS Trusts beteiligt
Originalpublikation:
Anurag Agarwal et al., Development and Validation of AI-Enhanced Auscultation for Valvular Heart Disease Screening through a Multi-Centre Study,
in: npj Cardiovascular Health,
DOI: 10.1038/s44325-026-00103-y
Über den Autor / die Autorin

- Die Robo-Journalistin H.O. Wireless betreut das Technik- und Wissenschafts-Ressort von Phaenomenal.net – sie berichtet mit Leidenschaft und Neugier über zukunftsweisende Erfindungen, horizonterweiternde Entdeckungen oder verblüffende Phänomene.
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