Schmerzmittel im Verdacht: Ibuprofen und Paracetamol verstärken Antibiotika-Resistenzen

Schmerzmittel im Verdacht: Ibuprofen und Paracetamol verstärken Antibiotika-Resistenzen

Im Alltag greifen viele Menschen schnell zur rezeptfrei erhältlichen Schmerztablette – nimmt man parallel dazu bereits Antibiotika ein, kann das die Entstehung multiresistenter Keime offenbar besonders stark fördern.

(Bild: Redaktion/PiPaPu)


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In fast jeder Hausapotheke liegen sie griffbereit: Ibuprofen und Paracetamol. Millionen Menschen weltweit nehmen sie gegen Fieber, Schmerzen oder Entzündungen ein. Doch was als harmlos gilt, könnte eine gefährliche Nebenwirkung haben. Eine Studie der University of South Australia zeigt, dass diese Medikamente Antibiotika-Resistenzen befeuern können – und damit eine stille Gefahr verstärken, die laut WHO bereits zu den größten Gesundheitsbedrohungen der Welt zählt. Für weitere Standardmedikamente gilt offenbar ein ähnliches Risiko.

Wenn Schmerzmittel das Kräfteverhältnis verschieben

Antibiotika haben das medizinische Zeitalter geprägt: einst tödliche Infektionen wurden behandelbar. Doch die Kehrseite ist bekannt – übermäßiger und falscher Gebrauch hat resistente Bakterien entstehen lassen. : „Antibiotika waren lange entscheidend für die Behandlung von Infektionskrankheiten, aber ihr weit verbreiteter Missbrauch hat einen globalen Anstieg resistenter Bakterien ausgelöst“, sagt Studienleiterin Rietie Venter.

Neu ist nun die Erkenntnis, dass selbst Medikamente ohne antibiotische Wirkung den Widerstand der Keime verstärken können. Besonders brisant: Ibuprofen und Paracetamol steigern das Risiko, dass Bakterien wie Escherichia coli gegen Ciprofloxacin, ein weit verbreitetes Antibiotikum, immun werden.

Doppelter Effekt im Alltag

E. coli ist ein Alltagskeim, verantwortlich für Magen-Darm-Beschwerden oder Harnwegsinfektionen. Die Forschenden kombinierten ihn im Labor mit Ciprofloxacin und insgesamt neun gängigen Medikamenten – darunter Schmerzmittel, Schlafmittel, Cholesterinsenker und Blutdruckpräparate. Das Ergebnis war eindeutig: Am auffälligsten wirkte die Paarung von Ibuprofen und Paracetamol. Bakterien entwickelten deutlich mehr Mutationen, vermehrten sich schneller – und wurden resistent gegen mehrere Antibiotika-Klassen zugleich.

Als wir Bakterien Ciprofloxacin zusammen mit Ibuprofen und Paracetamol aussetzten, entwickelten sie mehr genetische Mutationen als mit dem Antibiotikum allein“, so Venter. Besonders besorgniserregend sei, dass die Keime nicht nur gegen Ciprofloxacin, sondern auch gegen weitere Wirkstoffe resistenter wurden.

Aged Care als Brennpunkt

Die Ergebnisse haben unmittelbare gesellschaftliche Relevanz. Denn in Alten- und Pflegeheimen gehört Polypharmazie zum Alltag – ältere Menschen nehmen oft gleich mehrere Medikamente über lange Zeiträume hinweg ein. „Das ist besonders in Pflegeeinrichtungen verbreitet, wo Bewohner nicht nur Antibiotika, sondern auch Mittel gegen Schmerzen, Schlafstörungen oder Bluthochdruck erhalten – ein idealer Nährboden für resistente Darmbakterien“, warnt Venter.

Hier können harmlose Routinen gefährlich werden: Ein Schmerzmittel gegen Arthrose, ein Schlafmittel für die Nacht – und plötzlich reagiert das Immunsystem nicht mehr auf gängige Antibiotika. Für ohnehin geschwächte Menschen kann das lebensbedrohlich sein.

Ein komplexeres Puzzle

Die Studie erweitert das Bild der Resistenzentwicklung. Antibiotika allein sind nicht mehr die einzigen Stellschrauben – auch Begleitmedikamente wirken mit. „Antibiotika-Resistenz betrifft nicht mehr nur Antibiotika“, betont Venter. Das bedeutet: Strategien gegen multiresistente Keime müssen breiter gedacht werden.

Zugleich warnen die Forschenden vor falschen Schlüssen. Niemand solle Schmerzmittel pauschal meiden. Doch es brauche mehr Bewusstsein für Wechselwirkungen – gerade bei Menschen, die dauerhaft auf eine Kombination von Medikamenten angewiesen sind. Venter fordert daher weitere Studien, um Risiken besser abschätzen zu können.

Blick nach vorn

Die WHO schätzt, dass im Jahr 2019 bereits 1,27 Millionen Todesfälle direkt auf Antibiotika-Resistenzen zurückgingen. Mit dem neuen Wissen rückt ein bislang unterschätzter Faktor in den Fokus. Wer Standard-Medikamente verschreibt, muss künftig auch ihre Wechselwirkung mit Antibiotika im Auge behalten.


Kurzinfo: Standardmedikamente & Antibiotika-Resistenz

  • Untersuchte Medikamente:
    • Ibuprofen (Schmerz, Entzündung)
    • Diclofenac (Arthritis)
    • Paracetamol (Fieber, Schmerzen)
    • Furosemid (Bluthochdruck)
    • Metformin (Diabetes)
    • Atorvastatin (Cholesterin)
    • Tramadol (stärkeres Schmerzmittel)
    • Temazepam (Schlafstörungen)
    • Pseudoephedrin (Erkältung, Nasenverstopfung)
  • Ergebnis: Die Medikamente verstärken Resistenzen gegen Ciprofloxacin und andere Antibiotika
  • Besonders gefährdet: Alten- und Pflegeheime mit Polypharmazie
  • WHO-Daten: 1,27 Millionen Todesfälle 2019 durch Resistenzen
  • Ausblick: Weitere Studien zu Medikamenten-Kombinationen gefordert

Originalpublikation:

Rietie Venter,

The effect of commonly used non-antibiotic medications on antimicrobial resistance development in Escherichia coli,

in: npj Antimicrobials and Resistance

DOI: 10.1038/s44259-025-00144-w//

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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