Staub, Eis und ein bisschen Phosphor: Warum Algen Grönlands Gletscher dunkler machen

Staub, Eis und ein bisschen Phosphor: Warum Algen Grönlands Gletscher dunkler machen

Der Entstehung von Gletscheralgen auf der Spur: Wissenschaftlerinnen bei der Entnahme von Staub- und Eisproben in Südwest-Grönland

(Bild: Liane G. Benning, GFZ)


Wer im Sommer über das grönländische Eis fliegt, sieht nicht nur blendendes Weiß. Manche Flächen wirken grau, violett oder bräunlich, als hätte jemand Ruß über den Eispanzer gestreut. Tatsächlich sind es winzige Lebewesen, die dort ihre Spuren hinterlassen: pigmentierte Algen. Sie färben die Oberfläche dunkler, verringern die Rückstrahlkraft des Eises – die Albedo – und beschleunigen so das Schmelzen.

Und genau hier beginnt eine Frage, die für Klimaforschende zunehmend drängend wird: Wovon leben diese Algen eigentlich? Denn wenn sie sich ausbreiten, wird das Eis noch schneller zum Wasser. Zwei neue Studien mit Beteiligung des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung liefern nun eine klare Antwort: Nahrung gibt es genug – direkt aus dem Eis und aus Staub, der über Grönland weht.

Algen als unsichtbare Schmelz-Beschleuniger

Die Arktis erwärmt sich etwa viermal schneller als der Rest der Erde. In Grönland zeigt sich das besonders drastisch: Das Abschmelzen des Eisschildes trägt erheblich zum Meeresspiegelanstieg bei. Zwar ist die globale Erwärmung der Haupttreiber – doch Algen spielen eine wachsende Nebenrolle.

Bereits heute geht rund 13 Prozent der Gletscherschmelze auf das Konto dieser biologischen Verdunklung. Was nach Naturidylle klingt, ist im Klimasystem ein Problem: Dunkles Eis nimmt mehr Sonnenenergie auf, die Schmelze nimmt zu.

Phosphor: Der Treibstoff auf dem Eis

Im Zentrum der neuen Studien steht Phosphor, ein essenzieller Nährstoff für das Algenwachstum. Lange galt die Frage, ob er auf dem Eis knapp werden könnte – doch genau das scheint nicht der Fall zu sein.

„Phosphor ist ein wichtiger Nährstoff, der das Wachstum von Gletscheralgen auf dem grönländischen Eisschild und auf Gletschern weltweit steuert und fördert. Mit diesen beiden Studien zeigen wir, dass der Phosphor nicht begrenzt ist.“ sagt Prof. Dr. Liane G. Benning vom GFZ.

Damit wird klar: Die Algen haben keinen Engpass, sondern ein Buffet.

Staub aus Rückzugsgebieten: Nährstoffe aus der Nachbarschaft

Eine der beiden Studien, veröffentlicht in Environmental Science and Technology, untersuchte Staubablagerungen in der sogenannten dunklen Zone im Südwesten Grönlands. Das Team um Dr. Jenine McCutcheon von der University of Waterloo fand heraus, dass dieser Staub aus lokalen Gletscherrückzugsgebieten stammt.

Er enthält ausreichend phosphorhaltige Mineralien, um die Algen während der Schmelzsaison zu versorgen. Kurz gesagt: Wo sich Eis zurückzieht, entsteht neues Land – und dieses Land wird zur Staubquelle. Der Wind erledigt den Rest und trägt die Nahrung zurück aufs Eis.

Wenn das Eis selbst zum Nährstofflager wird

Die zweite Studie, erschienen in Nature Communications, blickte auf violette Algenblüten im Nordwesten Grönlands. Unter Leitung von Dr. Beatriz Gill-Olivas von der Universität Aarhus zeigte sich dort ein anderer Mechanismus: Die Algen benötigen nicht einmal zusätzlichen Staub von außen. Das schmelzende Eis selbst setzt genügend Makronährstoffe frei.

Das bedeutet: Je stärker die Ablation, desto mehr Nahrung wird verfügbar – und desto leichter können sich die Algen weiter ins Landesinnere ausbreiten.

Ein Kreislauf, der sich selbst antreibt

Für Benning ist das Ergebnis eindeutig: Die Bedingungen werden sich weiter zugunsten der Algen verschieben. Denn mehr Wärme bedeutet mehr Schmelze, mehr freiliegendes Eis und mehr Staubwüsten.

„In einer sich erwärmenden Welt wird mit mehr Schmelze immer mehr blankes Eis, das Nährstoffe enthält, im Landesinneren Grönlands verfügbar sein.“ so Benning.

Und sie warnt: „Wir sollten unsere Umwelt sorgsamer behandeln, da die Folgen des Abschmelzens des grönländischen Eisschildes die ganze Welt betreffen werden.“

Die Pointe ist bitter: Grönlands Eis schmilzt nicht nur, weil es wärmer wird – sondern weil das Schmelzen selbst neues Wachstum auf dem Eis möglich macht.


Kurzinfo: Nahrung für Algen auf Grönlands Eis

  • Arktis erwärmt sich viermal schneller als der globale Durchschnitt
  • Pigmentierte Algen verdunkeln das Eis und senken die Albedo
  • Verdunklung trägt bereits rund 13 Prozent zur Schmelze bei
  • Phosphor ist zentraler Nährstoff für das Algenwachstum
  • Nährstoffe stammen aus schmelzendem Schnee und Eis
  • Zusätzlich liefert lokaler Mineralstaub Phosphor auf die Eisoberfläche
  • Staub entsteht in eisfreien Rückzugsgebieten und wird verweht
  • Algen können sich dadurch weiter ins Landesinnere ausbreiten
  • Forschung unter Beteiligung des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung

Originalpublikationen:

Jenine McCutcheon et al.: „Atmospheric Deposition of Local Mineral Dust Delivers Phosphorus to the Greenland Ice Sheet“, in: „Environmental Science & Technology“ (2026)

DOI: 10.1021/acs.est.5c13873 https://doi.org/10.1021/acs.est.5c13873

Vorabveröffentlichung:

B. Gill-Olivas et al.: „Ablation provides key macronutrients (nitrogen and phosphorous) to glacier ice algae in NW Greenland“, in: Nature Communications (2026)

DOI: 10.1038/s41467-026-68625-8 https://doi.org/10.1038/s41467-026-68625-8

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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