Klimathemen sind im deutschen Fernsehen präsent, erreichen aber vor allem bereits Interessierte über Newsformate, während während andere Zielgruppen kaum angesprochen werden. (Bild: Redaktion/PiPaPu)
Kurzinfo: Klimakommunikation im Fernsehen
• Studie analysiert 23.478 Stunden TV-Programm in Deutschland
• Untersuchung von 20 Sendern und 1.445 Befragten
• Veröffentlichung in Nature Climate Change
• 80 Prozent der Klimainhalte laufen in Nachrichtenformaten
• Unterhaltung spielt nur eine untergeordnete Rolle
• Klimathema liegt hinter sozialen Fragen, Krieg und Wirtschaft
• Reichweiten-Asymmetrie erreicht vor allem Interessierte
• KI-Methoden ermöglichen Analyse von Millionen Sendeminuten
• Frauen sind mit 34 Prozent unterrepräsentiert
• Forschende fordern neue Formate und vielfältigere Perspektiven
Am Abend flimmert das Programm über den Bildschirm, Nachrichten, Talkshows, Reportagen. Der Klimawandel ist dabei – sichtbar, präsent, fast schon selbstverständlich. Und doch bleibt er für viele unsichtbar. Eine neue Studie zeigt: Das Fernsehen spricht vor allem jene an, die ohnehin schon zuhören.
Die stille Macht des Fernsehens
Während soziale Medien oft im Zentrum der Debatte stehen, richtet die Forschung nun den Blick auf das klassische Medium: Fernsehen. Ein Team um Imke Hoppe (LMU München) und Irene Neverla (Uni Hamburg/FU Berlin) hat untersucht, welche Rolle TV in der Klimakommunikation spielt.
„Die Forschung hat sich bislang stark auf die problematischen Effekte sozialer Medien konzentriert“, sagt Hoppe. „Weniger untersucht ist, welche Rolle klassische Rundfunkmedien für eine demokratiestärkende Kommunikation spielen.“
Fernsehen erreicht noch immer ein breites Publikum. Es kann Orientierung bieten, Debatten strukturieren und im besten Fall Brücken bauen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.
23.000 Stunden Programm im Blick
Die Zahlen der Studie sind beeindruckend: Rund 23.478 Stunden Fernsehprogramm wurden analysiert – quer durch 20 öffentlich-rechtliche und private Sender. Ergänzt wurde dies durch eine Befragung von 1.445 Zuschauerinnen und Zuschauern.
Die Auswertung erschien in Nature Climate Change und gilt als eine der bislang umfassendsten Analysen zur Klimakommunikation im Fernsehen.
Möglich wurde diese Datentiefe durch eine Kombination klassischer Methoden mit Künstlicher Intelligenz. Das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT lieferte Verfahren, die Sprache, Bilder und sogar Gesichter automatisiert auswerten konnten.
Nachrichten dominieren das Klima-Thema
Ein zentrales Ergebnis: Rund 80 Prozent der klimabezogenen Inhalte laufen in Nachrichten- und Informationsformaten. Unterhaltungssendungen spielen nur eine Nebenrolle.
Das hat Folgen. Denn Nachrichten schauen vor allem Menschen, die sich ohnehin für politische und gesellschaftliche Themen interessieren. Wer skeptisch ist oder wenig Bezug hat, bleibt außen vor.
Die Studie beschreibt dieses Muster als Reichweiten-Asymmetrie. Das Fernsehen informiert – aber es verstärkt vor allem bestehendes Interesse, statt neue Zielgruppen zu erschließen.
Klimadebatte im Schatten anderer Krisen
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Der Klimawandel konkurriert mit anderen Themen um Aufmerksamkeit. Im untersuchten Zeitraum lag er nur auf Platz vier – hinter sozialen Fragen, Krieg und Wirtschaft.
Das ist kein Zufall. Die Monate im Herbst 2022 waren geprägt vom Krieg in Europa, steigenden Energiepreisen und Inflationssorgen. Akute Krisen drängen langfristige Themen an den Rand.
Die Studie stellt daher eine grundsätzliche Frage: Welche Themen setzen Medien auf die Agenda – und welche verschwinden im Hintergrund?
Wer im Fernsehen vorkommt – und wer nicht
Auch die Darstellung von Menschen im Fernsehen spielt eine Rolle. Nur 34 Prozent der erfassten Gesichter waren weiblich. Vielfalt bleibt begrenzt – mit Folgen für die gesellschaftliche Debatte.
„Um Klimathemen breiter zu verankern, braucht es vielfältigere Darstellungen und neue Formen des Storytellings“, betonen die Forschenden.
Das bedeutet: mehr Perspektiven, andere Erzählweisen, Formate jenseits klassischer Nachrichten. Denn wer sich nicht angesprochen fühlt, schaltet um – oder gleich ab.
Originalpublikation
Imke Hoppe et al.,
Climate change on television reaches the engaged but misses distant audiences
in: Nature Climate Change
DOI: 10.1038/s41558-026-02575-3
Über den Autor / die Autorin

- Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.
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