Stadtnatur als Klimaretter: Urbane Bäume nehmen im Sommer mehr CO₂ auf als Autoverkehr ausstößt

Stadtnatur als Klimaretter: Urbane Bäume nehmen im Sommer mehr CO₂ auf als Autoverkehr ausstößt

Im Jahresdurchschnitt kompensiert die Vegetation in München etwa zwei Prozent der städtischen CO₂-Emissionen – doch im Sommer steigt die Rate stark an, so dass Stadtbäume den Kohlendioxid-Ausstoß des Autoverkehrs überkompensieren.

(Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Stadtbäume als Klimafaktor

• Studie der Technischen Universität München untersucht CO₂ Flüsse urbaner Vegetation
• Neues Modell mit zehn Meter räumlicher Auflösung
• Vegetation kompensiert in München etwa zwei Prozent der städtischen Emissionen
• Stadtbäume wichtigste CO₂ Senken im urbanen Raum
• An Sommertagen kann ihre Aufnahmeleistung den Verkehrsausstoß übertreffen
• Grasflächen im Jahresmittel häufig Netto CO₂ Quellen
• Ursache ist starke Bodenatmung durch Mikroorganismen
• Methoden sollen künftig auch in anderen Städten eingesetzt werden


An einem warmen Sommertag in München scheint die Stadt zu atmen. Während Autos durch Straßen rollen und Abgase ausstoßen, arbeiten über ihnen Tausende grüne Helfer. Die Blätter der Stadtbäume ziehen Kohlendioxid aus der Luft – manchmal so effektiv, dass ihre Aufnahmeleistung den Ausstoß des Verkehrs übertreffen kann.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Technische Universität München. Forschende entwickelten ein besonders fein aufgelöstes Modell, das erstmals präzise berechnet, wie viel Kohlendioxid städtische Vegetation aufnimmt oder freisetzt.

Ein genauer Blick auf die grüne Infrastruktur

Bisherige Modelle arbeiteten meist mit Satellitendaten, deren Auflösung etwa 500 Meter beträgt. Für Städte ist das grob wie eine Landkarte mit verschwommenen Konturen. Kleine Parks, einzelne Baumreihen oder begrünte Innenhöfe verschwinden in dieser Perspektive.

Das neue Modell arbeitet mit einer Auflösung von zehn Metern und kann damit die Vegetation in Städten deutlich präziser erfassen.

„Die aktuelle Studie verdeutlicht, dass die urbane Vegetation äußerst heterogen ist. Erst unsere hochaufgelöste Analyse zeigt, welche Flächen tatsächlich klimawirksam sind“, sagt Jia Chen, Professorin für Umweltsensorik und Modellierung.

Stadtbäume als stille Klimaschützer

Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Im Jahresdurchschnitt kompensiert die Vegetation in München etwa zwei Prozent der städtischen CO₂-Emissionen. Das klingt zunächst bescheiden.

Doch an einzelnen Tagen im Sommer verändert sich die Bilanz deutlich. Wenn die Photosynthese auf Hochtouren läuft, können Stadtbäume so viel Kohlendioxid aufnehmen, dass sie den Ausstoß des städtischen Verkehrs ausgleichen – manchmal sogar übertreffen.

Damit werden sie zu einer Art grüner Klimaanlage der Stadt. Sie filtern nicht nur Kohlendioxid, sondern kühlen zugleich die Umgebung.

Grasflächen schneiden schlechter ab

Überraschend ist jedoch ein anderes Ergebnis der Studie: Grasflächen schneiden deutlich schlechter ab. Im Jahresdurchschnitt geben sie sogar mehr Kohlendioxid ab, als sie aufnehmen.

Der Grund liegt in der sogenannten Bodenatmung. Mikroorganismen im Boden setzen beim Abbau organischer Substanz CO₂ frei. Wenn dieser Prozess stärker ist als die Photosynthese der Pflanzen, entsteht eine Nettoquelle von Kohlendioxid.

Das bedeutet nicht, dass Wiesen nutzlos wären. Sie erfüllen andere wichtige Funktionen, etwa als Versickerungsflächen bei Starkregen oder als Aufenthaltsorte für Menschen.

Messungen im Park

Um das Modell zu überprüfen, führten die Forschenden von April 2024 bis Februar 2025 Feldmessungen in Münchner Parks durch. Sensoren erfassten dort die tatsächlichen CO₂-Flüsse zwischen Vegetation, Boden und Atmosphäre.

Diese Daten halfen, das Modell zu kalibrieren und seine Aussagen zu überprüfen.

Mehr als nur Klimaschutz

Die Studie zeigt, dass städtisches Grün nicht nur ein dekoratives Element ist, sondern ein funktionaler Teil der urbanen Infrastruktur.

„Natürlich muss man die Ergebnisse in einem Gesamtkontext sehen. Grünflächen bieten im Vergleich zu versiegelten Flächen weitere Vorteile. Sie senken unter anderem im Sommer die Temperatur in der Stadt, dienen als Versickerungsfläche und steigern die Lebensqualität“, betont Chen.

Die Forschenden hoffen, ihre Methode künftig auch auf andere Städte anzuwenden. Erste Anwendungen gibt es bereits in Zürich.


Originalpublikation:

Li, J. et al.,

Fine-scale estimation of urban biogenic CO2 fluxes: A novel framework integrating multiple versions of vegetation photosynthesis and respiration models and in situ measurements.

in: Earth’s Future, 14, e2025EF007458.

DOI: doi.org/10.1029/2025EF007458

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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