Mehr Schlaf, bessere Noten: Späterer Schulstart tut Jugendlichen gut

Mehr Schlaf, bessere Noten: Späterer Schulstart tut Jugendlichen gut

In der Pubertät verschiebt sich der biologische Rhythmus nach hinten. Jugendliche werden abends später müde und kommen morgens schwer aus dem Bett – bisher nimmt das Schulsystem darauf keine Rücksicht. (Bild: Redaktion/PiPaPu)


Kurzinfo: Flexible Schulstartzeiten und ihre Wirkung

• Jugendliche schlafen an Schultagen häufig chronisch zu wenig
• Biologischer Rhythmus verschiebt sich in der Pubertät nach hinten
• Modellversuch an der Oberstufe Gossau im Kanton St. Gallen
• Wahl zwischen 07:30 Uhr und 8:30 Uhr Unterrichtsbeginn
• 95 Prozent nutzen die spätere Startoption
• Durchschnittlich 45 Minuten mehr Schlaf pro Schultag
• Weniger Einschlafprobleme und bessere Lebensqualitätswerte
• Verbesserte Leistungen in Englisch und Mathematik


Der Wecker klingelt um 6:15 Uhr. Draußen ist es noch dunkel, im Kinderzimmer dämmert ein Teenager zwischen Traum und Tagesanbruch. Für viele Jugendliche beginnt der Schultag zu einer Zeit, die ihrer inneren Uhr widerspricht. Eine neue Studie der Universität Zürich und des Universitäts-Kinderspitals Zürich legt nun nahe: Wer später starten darf, schläft länger – und lernt erfolgreicher.

Der Takt der inneren Uhr

In der Pubertät verschiebt sich der biologische Rhythmus nach hinten. Jugendliche werden abends später müde und kommen morgens schwer aus dem Bett. Das ist keine Frage der Disziplin, sondern der Chronobiologie.

„Das ist bedenklich, denn chronischer Schlafmangel betrifft nicht nur das Wohlbefinden, er hat auch messbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, körperliche Entwicklung und Lernfähigkeit“, sagt Oskar Jenni von der Universität Zürich.

Die Folge des frühen Unterrichtsbeginns: ein wachsendes Schlafdefizit über die Woche hinweg. International gibt es zahlreiche Studien zu späteren Startzeiten. Doch flexible Modelle, bei denen Schülerinnen und Schüler wählen können, wurden bislang kaum untersucht.

Ein Schulversuch in Gossau

Genau hier setzt ein Projekt der Oberstufe Gossau im Kanton St. Gallen an. Seit drei Jahren gibt es dort flexible Randzeiten. Jugendliche können freiwillig um 07:30 Uhr beginnen – oder erst um 8:30 Uhr mit dem regulären Stundenplan.

Begleitet wurde das Modell von Joëlle Albrecht, Reto Huber und Oskar Jenni. Befragt wurden durchschnittlich 14-Jährige vor und nach der Einführung. Insgesamt flossen 754 Rückmeldungen in die Auswertung ein.

Das Ergebnis: 95 Prozent nutzten die spätere Option. Im Schnitt begann ihr Schultag 38 Minuten später, sie standen rund 40 Minuten später auf. Da die Bettzeiten nahezu gleich blieben, verlängerte sich die Schlafdauer an Schultagen um durchschnittlich 45 Minuten.

Mehr Schlaf, bessere Werte

Die zusätzlichen Minuten zeigen Wirkung. „Die Schülerinnen und Schüler berichteten weniger häufig von Einschlafproblemen und hatten seltener tiefe Werte bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität“, fasst Erstautorin Joëlle Albrecht zusammen.

Auch objektiv messbare Leistungen verbesserten sich. In Englisch und Mathematik schnitten die Jugendlichen im Vergleich zu kantonalen Referenzwerten besser ab. Mehr Schlaf bedeutet also nicht weniger Leistung – im Gegenteil.

Gesundheit unter Druck

Der Befund trifft auf eine Generation, die psychisch stark belastet ist. Laut einer Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums litten im Jahr 2022 rund 47 Prozent der 11- bis 15-Jährigen unter multiplen wiederkehrenden oder chronischen psychoaffektiven Beschwerden – von Müdigkeit bis Gereiztheit.

„Ein späterer Unterrichtsbeginn am Morgen kann also ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Mental-Health-Krise bei Schülerinnen und Schülern sein“, betont Co-Letztautor Reto Huber.

Schlaf wird damit zur bildungspolitischen Stellschraube – leise, aber wirksam.

Ein pragmatischer Ansatz

Die in der Fachzeitschrift Journal of Adolescent Health veröffentlichte Studie zeigt: Flexible Startzeiten sind organisatorisch machbar und gesundheitlich sinnvoll. Sie kosten wenig, verlangen keine neuen Lehrpläne – nur den Mut, Gewohntes zu hinterfragen.

Natürlich ersetzt ein späterer Schulbeginn keine Familienrituale, keine Medienregeln, keine persönliche Verantwortung. Doch er respektiert die Biologie der Jugendlichen.

Am Ende steht eine einfache Einsicht: Wer jungen Menschen Zeit zum Schlafen gibt, investiert in Konzentration, Stabilität und Bildungserfolg.


Originalpublikation:

Albrecht, J. N. et al.,

The power of flexible school start times: Longitudinal associations with sleep, health, and academic performance. in: Journal of Adolescent Health, 17 February 2026.

DOI: 10.1016/j.jadohealth.2026.01.011

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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