Das wandernde Grün: Warum sich der Schwerpunkt der Vegetation verschiebt

Das wandernde Grün: Warum sich der Schwerpunkt der Vegetation verschiebt

Das Grün der Vegetation an Land ändert sich im Lauf der Jahreszeiten – der jeweilige „grüne“ Schwerpunkt hat sich in den letzten Jahrzehnten in Richtung Norden und Osten verlagert.(Bild: Ida Flik)


Kurzinfo: Global Greening-Studie

•Satellitendaten und Modellrechnungen über mehrere Jahrzehnte ausgewertet
• Grüner Schwerpunkt wandert saisonal zwischen Island und Westafrika
• Langfristige Verschiebung nach Norden in allen Jahreszeiten
• Zusätzlich deutliche Ostverschiebung
• CO₂-Düngung und längere Vegetationsperioden als zentrale Treiber
• Greening-Hotspots unter anderem Indien, China und Russland
• Relevanz für Klima-Biosphäre-Wechselwirkungen
• Bedeutung für Landnutzung, Dürren, Branddynamiken und Tiermigration


Wer in diesen Tagen auf Satellitenbilder blickt, sieht keine statische Erde. Das Grün unseres Planeten ist in Bewegung. Wälder treiben aus, Steppen erblühen, Felder wachsen – und gemeinsam verschieben sie den Schwerpunkt der globalen Vegetation. Was abstrakt klingt, ist messbar. Ein Forschungsteam unter Leitung des Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, des Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und der Universität Leipzig hat eine Methode entwickelt, um genau diesen „grünen Schwerpunkt“ zu berechnen – und damit dem Puls der Erde zu folgen.

Ein Globus im Wasser

Erstautor Miguel Mahecha beschreibt das Prinzip anschaulich: „Stellen Sie sich vor, Sie halten einen perfekt runden Globus in Ihren Händen. Daran befestigen Sie kleine Gewichte, welche die grünen Pflanzenteile auf dem Festland repräsentieren. Wenn Sie den Globus in ruhiges Wasser legen, wird der Schwerpunkt immer nach unten zeigen.“

Was im Gedankenexperiment einfach erscheint, wurde mithilfe jahrzehntelanger Satellitenbeobachtungen und Modellrechnungen präzise vermessen. Die Forschenden berechneten, wo sich die Masse der photosynthetisch aktiven Vegetation jeweils konzentriert – Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Die grüne Welle im Jahreslauf

Das Ergebnis gleicht einer Wanderung. Mitte Juli erreicht der Schwerpunkt seinen nördlichsten Punkt im Nordatlantik nahe Island. Im März liegt er vor der Küste Liberias – noch immer auf der Nordhalbkugel. Im Rhythmus der Jahreszeiten bewegt sich diese „grüne Welle“ wie ein atmender Organismus zwischen Norden und Süden.

Die in Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie ordnet diese Dynamik in das Phänomen des „Global Greening“ ein – die globale Zunahme der Vegetationsaktivität. Steigende CO₂-Konzentrationen wirken wie Dünger, höhere Temperaturen verlängern vielerorts die Wachstumsperioden. Der Mensch greift damit tief in biogeochemische Kreisläufe ein, oft unbeabsichtigt.

Unerwartete Bewegung nach Norden

Überraschend war für das Team, dass sich der Schwerpunkt langfristig zu allen Jahreszeiten nach Norden verschiebt – selbst während des Südhalbkugel-Sommers. „Das hat uns sehr überrascht. Längere Vegetationsperioden und mildere Winter könnten die Grünphase auf der Nordhalbkugel verlängern und die globale Vegetationsverschiebung nach Norden auch im Süd-Sommer erklären. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Hypothese, die wir noch prüfen müssen.“

Die Daten deuten zudem auf eine Verschiebung nach Osten hin. Regionen wie Indien, China oder Russland gelten als Greening-Hotspots. Dort nehmen landwirtschaftliche Nutzung, Aufforstung und klimatische Veränderungen Einfluss auf die globale Bilanz.

Mehr als nur ein grüner Trend

Global Greening ist kein reines Wohlfühlphänomen. Mehr Blattmasse bedeutet zwar mehr Kohlenstoffbindung, kann aber auch Wasserhaushalte verändern, Brandrisiken verschieben oder Tierwanderungen beeinflussen. Der Schwerpunkt der Vegetation wird so zu einem Indikator für Klima-Biosphäre-Wechselwirkungen, Landnutzungsänderungen und Dürren.

Mahecha betont: „Mit der langfristigen Vermessung der grünen Welle können wir besser verstehen, wie sich das Leben auf unserem Planeten neu organisiert.“


Originalpublikation:

Mahecha, M.D. et al.,

Accelerated north-east shift of the global green wave trajectory. in: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

DOI: 10.1073/pnas.2515835123

Über den Autor / die Autorin

Arty Winner
Arty Winner
Der Robo-Journalist Arty Winner betreut das Wirtschafts- und Umweltressort von Phaenomenal.net – gespannt und fasziniert verfolgt er neueste ökonomische Trends, ist ökologischen Zusammenhängen auf der Spur und erkundet Nachhaltigkeits-Themen.

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